Envisat: 8 Tonnen Erdspäher auf Ariane 5
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Bilanz: 30 Jahre ESA

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ESA / Space in Member States / Germany

In den drei Jahrzehnten hat sich die ESA mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln einen exzellenten Ruf erarbeitet. Wissenschaftsprojekte, interplanetare Missionen, Sonnenerkundung, Erdbeobachtung, Katastrophenvorhersage sowie Klima- und Umweltforschung finden auf höchstem Niveau statt. Die Erfolge der ESA beruhen auf wissenschaftlichen und technischen Höchstleistungen. Einige Beispiele sollen dies untermauern:

1. Raumtransport: Ariane als Symbol für Europa

Trotz härtester Konkurrenz aus den USA, Russland, China, Indien und Japan beherrschen die von der ESA entwickelten Ariane-Trägerraketen bis heute den kommerziellen Markt der Startdienste vor allem für Telekom-Satelliten.

2. Telekommunikation: Das „A“ und „O“ moderner Gesellschaften

Wichtige Standards für Telekommunikationssatelliten der jetzigen Generation beruhen auf Techniken, die von der ESA entwickelt und in mehr als 80 Satelliten europäischer Hersteller eingeflossen sind – ein milliardenschwerer Wirtschaftssektor.

3. Umweltforschung: Europas Super-Späher

Bei der Überwachung des Ozonlochs, der Eiskappen, der ozeanischen Winde und Strömungen sowie anderer Faktoren, die den Gesundheitszustand unseres Planeten beeinflussen, ist die ESA weltweit führend: 1991 begann sie mit ERS 1 ein höchst erfolgreiches globales Erderkundungsprogramm, dem 1995 der weltbeste Ozonwächter ERS 2 folgte. Im Rahmen ihres Programms „Living Planet“ wird die ESA durch eine Reihe hoch spezialisierter Erderkundungsmissionen auch in Zukunft den globalen Umweltveränderungen auf der Spur bleiben.

Seit 2002 ist Envisat im Einsatz, der weltweit modernste, größte, komplexeste und anspruchsvollste Umweltsatellit. Seine zehn Instrumentensysteme erfassen die auf den Meeren und Landflächen sowie in der Atmosphäre ablaufenden Prozesse in hoher zeitlicher und räumlicher Auflösung und bieten damit alles, was sich Wissenschaftler im Einsatz des von Umweltgefahren bedrängten Heimatplaneten wünschen.

Die weltbeste Umweltforschung ist sogar bezahlbar: Envisat kostet jedem Bürger etwa eine Tasse Kaffee pro Jahr. Im Gegenzug erhält er mindestens fünf Jahre lang exakte Daten über die Umweltveränderungen: Über die globale Erwärmung, den Abbau von Ozon und den Klimawandel. Diese Daten sind als Grundlage politischer Entscheidungen dringend notwendig und überfällig. Denn die Natur ist nicht an politische Grenzen gebunden. Die Atmosphäre ist global, die Zirkulation planetar. Entwarnung kann es daher weder in Europa noch anderswo geben.

4. Meteorologie: Meteosats Wunderaugen

Das Flugmodell von MSG-1 bei Tests im ESTEC
Das Flugmodell von MSG-1 bei Tests im ESTEC

Seit 1977 leisten die von der ESA entwickelten geostationären Wettersatelliten einen bedeutenden Beitrag für die Wettervorhersage und für die Überwachung des globalen Klimas. Gegenwärtig sind 4 Meteosat-Satelliten der ersten und zweiten Generation über Europa, Afrika sowie über dem Indischen Ozean im Einsatz. Sie werden von Eumetsat betrieben, der zwischenstaatlichen Organisation für die Nutzung meteorologischer Daten, die vorrangig europäische Staaten versorgt. Der Betrieb eines solchen Systems ist nicht billig. Jährlich sind etwa 50 Mill. Euro für Meteosat aufzuwenden. Dem steht aber allein in Europa ein volkswirtschaftlicher Nutzen von mindestens 140 Mill. Euro gegenüber.

Was dem europäischen Bürger als Normalität erscheint, nämlich die Versorgung mit meteorologischen Informationen in immer höherer Qualität, ist keinesfalls selbstverständlich. Selbst eine Raumfahrtmacht wie Russland, verfügt seit 2004 über keinen einzigen Wettersatelliten und ist auch auf Meteosat-Daten angewiesen.

Um den Hunger der Meteorologen nach immer umfassenderen Informationen zu stillen, entwickelte die ESA im Auftrag von Eumetsat die Meteosat-Satelliten der zweiten Generation (MSG), deren erster Vertreter 2002 gestartet wurde. MSG 1 verkörpert weltweit den modernsten Wettersatelliten mit der ausgefeiltesten Technik. Doch auch das reicht der ESA noch nicht. ESA und Eumetsat wollen in den kommenden Jahren gemeinsam die über dem Äquator stationierten Meteosat-Satelliten durch drei mit Radaraugen ausgestattete polarumlaufende Metop-Plattformen ergänzen und damit sowohl die Kurz-, Mittel- als auch die Langfristwettervorhersage wesentlich verbessern helfen.

5. Navigation und Kommunikation: Prioritäten von ESA und EU

Satellitengestützte Navigation, Information und Kommunikation stellen einen viel versprechenden Markt dar. Mit dem Aufbau des eigenständigen zivilen Satellitennavigationssystems Galileo will sich Europa auch aus der Abhängigkeit von den USA befreien. Das von der ESA und der EU gemeinsam entwickelte Projekt wird mit äußerst präzisen Ortungssignalen für Flugzeuge, Schiffe und Straßenfahrzeuge sämtliche Verkehrsbereiche sowie verkehrsabhängige Dienste revolutionieren. Während der ersten 15 Jahre seines Betriebes dürfte Galileo Umsätze von bis zu 90 Mrd. Euro aus dem Verkauf von Geräten und Diensten abwerfen sowie mindestens 100 000 Arbeitsplätze in Europa schaffen. Das aus 30 Satelliten bestehende System soll ab 2009 voll einsatzbereit sein.

Das zweite ESA-/EU-Flaggschiff ist GMES, die Globale Umwelt- und Sicherheitsüberwachung (Global Monitoring for Environment and Security). Mit diesem Projekt soll ein Netzwerk operationeller Satelliten für Europa aufgebaut werden, mit dem die Möglichkeiten der Erdbeobachtung für eine Vielzahl von Anwendungen in Bereichen wie Umwelt-, Verkehrs- und Entwicklungspolitik oder etwa zum Katastrophenschutz zugänglich gemacht werden.

Die dritte Schlüsselrolle für die künftige Europäische Informationsgesellschaft spielen langfristig angelegte Forschungsprogramme im Bereich der Satellitenkommunikationstechnologien.

6. Interplanetare Raumsonden

Rosetta auf Kometenjagd
Rosetta auf Kometenjagd

Auch im Sonnensystem hat Europa bereits seine Markenzeichen hinterlassen. Der Durchbruch kam 1986, als der ESA-Raumsonde Giotto unter allen weltweit gestarteten Sonden die kühnste Annäherung an den Halleyschen Kometen gelang.

Seit 2004 ist Europa erneut auf Kometenjagd. Erstmals wollen die Europäer auf einem Kometen landen. An einem Ort, der 4,6 Mrd. Jahre alte Urmaterie vom Beginn unseres Sonnensystems beherbergen soll. Die zehnjährige Flugreise der Rosetta-Raumsonde führt uns an die Wurzeln der Entstehung unseres Planeten. Brachten Kometen einst Wasser und Leben auf die Erde? Ab 2014 werden wir mehr erfahren, wenn Rosetta auf eine Umlaufbahn um den Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko gebracht und der Lander Philae, an dem Deutschland führend beteiligt ist, auf ihm abgesetzt wird.

Seit Dezember 2003 umkreist Europas Hightech-Sonde Mars Express den Roten Planeten. Die von den Instrumenten übermittelten Informationen halten die Forscher mit Überraschungen in Atem. Neue Hinweise auf mögliche biologische Lebensformen, Wasser an der Planetenoberfläche sowie noch tätige Vulkane beleben den uralten Streit über Leben auf dem Roten Planeten. Die neuen räumlichen Bilder vom Mars, aufgenommen von der weltbesten Kamera, haben das Wissen über unseren Nachbarplaneten bereits grundlegend verändert.

Mit der weichen Landung der Huygens-Raumsonde auf dem Saturnmond Titan am 14. Januar 2005 hat die Europäische Weltraumorganisation ihr Gesellenstück in der interplanetaren Forschung abgeliefert. Seitdem ist die ESA bei der Erforschung des Sonnensystems nicht mehr Juniorpartner anderer Raumfahrtagenturen, sie spielt fortan als Gleicher unter Gleichen in der Spitzenklasse mit.

Den nächsten Coup plant die ESA bereits Ende des Jahres. Am 26. Oktober will sie zur Venus aufbrechen, zur römischen Göttin der Liebe, und mit „Venus-Express“ die heißen Geheimnisse des Nachbarplaneten lüften.

7. Visionen: Erkundung der Tiefen des Alls

Die Wissenschaftssatelliten der ESA haben bei der Beobachtung der Sonne und ihres Einflusses auf die Erde, bei der Vermessung von Sternen aus dem Weltraum und bei der Enthüllung des Universums im Infrarot- und Röntgenlicht eine Schlüsselrolle erreicht. Die Zukunft eröffnet ein gewaltiges Potential: Rohstoffausbeute auf dem Mond und auf Asteroiden, Gewinnung von Sonnenenergie durch Solaranlagen im All, bewohnte Stationen auf anderen Himmelskörpern…

Zweifellos: Noch ist es Science fiction. Was davon Realität wird und was fiction bleibt, werden wir in den kommenden Jahrzehnten sehen. Bereits heute arbeitet die ESA an einem visionären Programm zur Erforschung des Sonnensystems mit dem Namen „Aurora“. Dabei ist auch geplant, Europäer zum Mond und zum Mars zu entsenden.

Was reizt Erdbewohner zu einem entbehrungsreichen Trip in eine eisige rostrote Wüstenwelt? Die Faszination des Unbekannten? Ihr großer Forscherdrang? Das Kennenlernen ihres Nachbarplaneten? Die uralte Sehnsucht, irgendwo im Kosmos Spuren von Leben zu entdecken? Auch wenn es sich bestenfalls um primitive Formen einer längst vergangenen Zeit handelt. Oder ist es ein Mix von alldem?
Wie auch immer. Die Zeit der großen geographischen Entdeckungen ist Stoff von Geschichtsbüchern. Menschlicher Entdeckerdrang trägt nun kosmische Dimensionen. Der bemannte Flug zum Mars ist in greifbare Nähe gerückt. Wer auch immer sich als Kolumbus dieser außerirdischen Welt in die Annalen der planetaren Weltgeschichte wird eintragen dürfen, dieser Erdenbürger lebt bereits auf unserem blauen Planeten. Und unser 30jähriges Geburtstagskind, die Europäische Raumfahrtorganisation ESA, wird mit Sicherheit ihren Anteil daran haben.

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