Das ESOC war am 8. September 1967 von Pierre Auger, dem ESRO-Generaldirektor (links), und dem damaligen Forschungsminister der BRD, Gerhard Stoltenberg (rechts), eröffnet worden.
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Die Geschichte des ESOC

26/06/2017 1309 views 13 likes
ESA / Space in Member States / Germany

„Es ist leichter, eine internationale Organisation zu gründen, als eine bestehende zu schließen.“ Als der damalige Forschungsminister der Bundesrepublik, Gerhard Stoltenberg, am 8. September 1967 mit diesen Worten das ESOC in Darmstadt eröffnete, hätte er sich sicherlich nicht träumen lassen, in welche wissenschaftlich-technischen, politischen und ökonomischen Bereiche diese europäische Organisation einmal vorstoßen würde. 

Die Einrichtung, die heute als Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur weltweit wegen hochkomplexer Missionen wie etwa Rosetta bekannt ist, bestand vor einem halben Jahrhundert aus nicht viel mehr als einer Handvoll fast provisorisch anmutender Gebäude und Holzbaracken. Das „European Space Operations Centre“ in Darmstadt hatte gerade erst seinen Namen und seinen neuen Auftrag erhalten – die Steuerung von Satelliten. Die Weltall-Ambitionen der Europäer standen zu diesem Zeitpunkt erst am Anfang.

Die Russen waren seit dem Start von Sputnik 1957 führend in der Raumfahrttechnik und der erste Schritt eines Amerikaners auf dem Mond stand bevor. Die ESA, die European Space Agency, gab es in der heutigen Form noch gar nicht – sie wurde erst 1975, acht Jahre nach dem ESOC, gegründet. Zwei Vorgängerorganisationen - die European Space Research Organisation (ESRO) sowie die European Launcher Development Organisation (ELDO) – hatten seit 1964 den Weg für die ESA bereitet. 

Pioniergeist und ein Großrechner - Wie die Raumfahrt nach Darmstadt kam

Der Hauptkontrollraum des ESOC in den 1960er Jahren.
Der Hauptkontrollraum des ESOC in den 1960er Jahren.

„Dass die Raumfahrt nach Darmstadt kam lag daran, dass im Deutschen Rechenzentrum in der Rheinstraße damals einer der wenigen Großrechner der Bundesrepublik stand“, erinnert sich Kurt Debatin, bis 1997 Chef der Computer-Abteilung im ESOC. 1963 nahm daher zuerst das „European Space Data Analysis Center“ (ESDAC) in Darmstadt seine Arbeit auf. Im Auftrag der ESRO wurden hier Satellitendaten analysiert. Doch schon vier Jahre später erhielt das Zentrum seine neue Ausrichtung: Die Missionskontrolle. Eine Aufgabe, die mit einem Wechsel einherging, denn diese Arbeit hatten bis dahin Ingenieure im europäischen Weltraumforschungs- und Technologiezentrum ESTEC in den Niederlanden erledigt. 1967 kamen sie nach Darmstadt ins neue, bis heute als „European Space Operations Centre“ bekannte ESOC.

Kurt Debatin zählt zur ersten Weltraum-Generation in Darmstadt. Er kam 1965 als System-Analyst im ESDAC an Bord. „Die Gründung des ESOC zwei Jahre später war ein echter Umbruch“, sagt der ehemalige Mitarbeiter, der Mitglied im europaweiten Verein der ESA-Pensionäre ist, die sich noch regelmäßig treffen. Wer historische Fotos des Hauptkontrollraumes aus dieser Zeit anschaut, versteht, was der damalige ESOC-Computer-Experte meint. 

Die Rechner füllten ganze Räume, hatten jedoch eine Kapazität, die von heutigen Mobiltelefonen bei weitem übertroffen wird. Tastaturen gab es nicht, die Befehle wurden per Lochkarte eingegeben. Auch Computerdisplays waren noch unbekannt, „es gab nur Zeilendrucker und die spuckten oktale Zahlen aus, die wir erst im Kopf umrechnen mussten“, berichtet Kurt Debatin. Ob der Satellit funktionierte, konnten die Ingenieure nur aus Blinksignalen des Computers erschließen. 

Der erste von Darmstadt aus gesteuerte Satellit

 

Im Mai 1968 wurde jedoch bereits der erste vom ESOC gesteuerte Satellit mit einer Rakete der Amerikaner ins All gebracht: ESRO-2B. Eine Sonde, die kosmische und solare Strahlung erforschen sollte. Herwig Laue arbeitete 1967 als Ferienstudent im ESOC. Er studierte Mathematik an der TH Darmstadt, wie die Technische Universität damals hieß, und erprobte sein Wissen in der Abteilung Flugdynamik. 

Die physikalischen Grundlagen der Bahnberechnung und Ausrichtung des Satelliten im Orbit waren damals wie heute gleich – gerechnet wurde allerdings mit Rechenschieber und einer Informatik, die in den Kinderschuhen steckte. „Wir haben unser Päckchen Lochkarten für die Bahnberechnung beim Rechenzentrum abgegeben und bekamen nach ein paar Tagen einen Papierausdruck zurück. Einen direkten Zugriff auf den Computer gab es noch nicht. Wenn nur ein Fehler in der Lochkarte war, musste alles neu gerechnet werden“, erinnert sich Herwig Laue.

ESRO-2B wird für den Start präpariert.
ESRO-2B wird für den Start präpariert.

Sein Kollege Wolfgang Wimmer hat 35 Jahre lang bis 2004 in der Missionskontrolle gearbeitet, davon 15 Jahre als leitender Flugdirektor. Die Flugbahnen der Satelliten ließen sich in den 1960ern/Anfang der 70er Jahre noch nicht ändern.

„Alles hing an der Rakete und wie sie den Satelliten platzierte“, berichtet er. 30 Prozent der Raketenstarts gingen in der Anfangszeit schief. „Deshalb hat man immer gleich zwei Satelliten gebaut.“ Das war auch beim ESRO-Satelliten so, wo es ebenfalls zweier Anläufe bedurfte. Gespeichert wurden die wissenschaftlichen Daten der Sonde auf sogenannten Endless-Rekordern. „Die funktionierten aber meist nicht gut“, so Wolfgang Wimmer.

In den Anfangsjahren hinkten die Europäer hinterher. „Die Russen waren führend und die NASA hatte immer das Zehnfache unseres Budgets. Wir Europäer wurden nicht so richtig ernst genommen“, erinnert sich Manfred Warhaut, bis 2013 Chef des Missionsbetriebs im ESOC. Das änderte sich jedoch mit späteren Missionen wie der Giotto-Sonde, die 1986 im Vorbeiflug den Kometen Halley erforschte oder Huygens, die 2005 auf dem Saturn-Mond Titan landete. „Und mit Rosetta sind wir sogar an den Amerikaner vorbeigezogen“, sagt Manfred Warhaut, der die Kometen-Mission bis 2006 leitete, stolz. 

Europäischer Mikrokosmos

 

Rund 70 Festangestellte arbeiteten in den Anfangsjahren im ESOC – Kontraktoren, also Beschäftigte von Vertragsfirmen, gab es nur wenige, erinnert sich Hermine Grube, die 1968 in der Personalabteilung anfing - und bis 2010 dort blieb. Heute ist das Verhältnis umgekehrt: Von den rund 900 Beschäftigten im ESOC sind 266 festangestellt, die Mehrzahl sind Vertragspartner. „Eins“, betont Herwig Laue, „war jedoch von Beginn an gleich: Die familiäre Atmosphäre und der internationale Charakter.

Der Missionskontrollraum von ESRO-2. Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 1968.
Der Missionskontrollraum von ESRO-2. Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 1968.

Es wurde immer schon Englisch und Französisch gesprochen. Wir waren schon früh ein europäischer Mikrokosmos.“ Es herrschte Pionierstimmung in der Darmstädter Robert-Bosch-Straße. Herwig Lauer vergleicht es mit dem Silicon Valley. „Wir fühlten uns an der Spitze des technischen Fortschritts. Wir waren jung und motiviert.“

Lesen Sie weiter auf den nachfolgenden Themenseiten unseres Specials: 

Web Special: 50 Jahre ESOC 

Die Geschichte des ESOC

Expertise und Emotionen 

Missionen und Meilensteine

Motor für Wirtschaft und Wissenschaft 

50 Jahre ESOC: Was bleibt im Gedächtnis?

"Wir müssen immer einen Schritt voraus sein"

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