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Asteroiden beim Vorbeiflug an der Erde
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Experten beraten über Asteroidenabwehr

18/02/2014 1997 views 12 likes
ESA / Space in Member States / Germany

In der vergangenen Woche wurde am ESOC eine internationale Expertengruppe gegründet. Ihr Auftrag: Strategien gegen die potentielle Bedrohung durch gefährliche Asteroiden zu entwickeln. 

Am Darmstädter Raumfahrtkontrollzentrum der ESA, ESOC, trafen sich am vergangenen Donnerstag und Freitag Experten von 13 Raumfahrtagenturen aus Ländern quer über den Globus. Das Thema des Meetings war die Abwehr gefährlicher Asteroiden. Über 600.000 solcher Körper sind im Sonnensystem bekannt, mehr als 10.000 von ihnen nähern sich immer wieder der Erde, im Fachjargon heißen sieNear Earth Objects(NEOs). Kollisionen zwischen NEOs und der Erde hat es immer wieder gegeben, zuletzt in Russland. Was dort im Februar 2013 geschah, konnten Wissenschaftler mittlerweile detailliert rekonstruieren (siehe unten: Die Warnung von Tscheljabinsk). 

Die Ablenkung gefährlicher Asteroiden

 

Der Einschlag im Ural kam ohne Vorwarnung – das unterstreicht, wie nötig stärkere Anstrengungen zur Entdeckung und Abwehr der Brocken aus dem All sind. Bei ihrem Treffen am ESOC gründeten nun mehr als 30 Experten dieSpace Mission Planning and Advisory Group“ (SMPAG).

Es geht darum, die technischen Fähigkeiten der Weltraumbehörden in Sachen NEO-Bedrohung zu koordinieren. Die Aufgabenfelder reichen von der Grundlagenforschung und der Entwicklung neuer Techniken, über Maßnahmen zur Abmilderung der Folgen kleinerer Einschläge bis hin zu Konzepten für Raumsonden, die im Ernstfall größere Asteroiden ablenken können.

Über allem steht das große Ziel: Die momentane Schutzlosigkeit gegenüber den kosmischen Bomben soll einer koordinierten globalen Antwort weichen. 

Detlef Koschny, Leiter des NEO-Segments im Space Situational Awareness (SSA) Programmbüro
Detlef Koschny, Leiter des NEO-Segments im Space Situational Awareness (SSA) Programmbüro

Schon jetzt hat die verstärkt wahrgenommene Bedrohung zu vielfältigen Reaktionen geführt: Die NASA hat ihr NEO-Budget aufgestockt – trotz der grassierenden Kürzungen in der US-Raumfahrt. Mit der ehrgeizigen Rosetta-Mission erprobt die ESA momentan wichtige Technologien, die eines Tages für die NEO-Abwehr gebraucht werden könnten.

Auch die EU ist seit zwei Jahren mit von der Partie, in dem Projekt NEOShield erforschen Wissenschaftler aus über einem Dutzend Institutionen gemeinsam Abwehrmöglichkeiten. Die Liste ließe sich mit Projekten in Frankreich, Kanada, Russland, China und Japan fortsetzten.

ESA-Experte Detlef Koschny, Leiter des NEO-Segments im Space Situational Awareness (SSA)Programmbüro: „NASA, ESA und die japanische Raumfahrtbehörde JAXA haben bereits erfolgreich Raumsonden zu solchen Körpern geschickt. Mehrere NASA-Sonden haben Asteroiden und Kometen besucht, die ESA steuert in diesem Jahr ihren dritten Zielkometen an und die Japaner haben sogar Proben eines erdnahen Asteroiden zur Erde gebracht, zum Jahresende wollen sie eine weitere Asteroiden-Sonde starten.“ 

Mit dem Mandat der Vereinten Nationen

 

Diese Aktivitäten der Weltraumnationen werden nun auf internationaler Ebene mit SMPAG flankiert, und zwar unter dem Mandat der Vereinten Nationen. Koschny dazu: „Da die Bedrohung durch NEOs ein globales Problem ist, sind die UN die geeignete Ebene, um diesen Gefahren zu begegnen.“ Laut Gerhard Drolshagen, ebenfalls vom SSA-Programmbüro, kommt es nun darauf an, im Rahmen von SMPAG das bereits vorhandene Know-how zusammenzutragen. Dies soll bereits bis zur kommenden Sitzung geschehen.

Drolshagen ergänzt: „Danach wird es um Empfehlungen für konkrete Weltraummissionen gehen. Dabei sollen Tests durchgeführt werden, um im Ernstfall gefährliche NEOs mit erprobten Technologien von einer Kollision ablenken zu können.“

Der Asteroid 2012DA14 passierte die Erde am 15. Februar 2013
Der Asteroid 2012DA14 passierte die Erde am 15. Februar 2013

Ebenso wichtig ist die rechtzeitige Entdeckung der Objekte. „Dafür gibt es eine weitere Einrichtung, die im Rahmen der Empfehlungen der UN gegründet wurde", erklärt Koschny im Hinblick auf das im Januar gegründeteInternational Asteroid Warning Network (IAWN).

In diesem Netzwerk arbeiten Experten zusammen, die sich mit der Entdeckung und Verfolgung von NEOs befassen, deren Orbits berechnen und die Gefahren und Auswirkungen von Einschlägen abschätzen; IAWN kooperiert außerdem mit den zuständigen Behörden für den Katastrophenschutz.

Erste Schritte sind also getan. NEOShield-Koordinator Alan Harris vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), ebenfalls Teilnehmer beim Darmstädter Meeting, richtet seinen Blick weit nach vorn: „Wenn man 500 Jahre in die Zukunft reisen könnte und dann zurückschaut, so würde man den Stellenwert der Gründung von SMPAG leicht erkennen. Was hier gestartet wurde, hat das Potential Millionen von Leben zu retten.“

Die Voraussetzung ist allerdings, dass der politische Prozess weiterhin erfolgreich verläuft und weitere wichtige Nationen mitmachen. Das nächste Treffen von SMPAG wird schon im Juni stattfinden, diesmal in der Uno-Stadt Wien.

Die Warnung von Tscheljabinsk

 

Am 15. Februar 2013 entging die russische Metropole Tscheljabinsk nur knapp einer Katastrophe: Mit großer Wucht explodierte ein Meteorit über der Millionenstadt. Bevor der Gesteinsbrocken auf die irdische Lufthülle traf, hatte er einen Durchmesser von etwa 20 Metern, er zerbrach mehrfach in 40 bis 20 km Höhe.

Spur des abgestürzten Asteroiden am Himmel über Tscheljabinsk
Spur des abgestürzten Asteroiden am Himmel über Tscheljabinsk

Dabei verdampfte das meiste Gestein, nur ein kleiner Teil, etwa fünf Tonnen, erreichten den Boden. Das größte Trümmerstück war ein 650-Kilogramm-Brocken, den russische Forscher aus einem See bargen. Die Explosionsenergie entsprach etwa 600 Kilotonnen TNT.

Zum Vergleich: Die Atombombe von Hiroshima detonierte mit der Wucht von 13 Kilotonnen – allerdings in 580 Metern Höhe viel bodennäher. Der Impakt war der heftigste seit dem Tunguska-Ereignis von 1908. Damals wurden in Sibirien durch die Explosion eines Meteoriten oder Kometen millionenfach Bäume umgerissen, zum Glück in einem fast menschenleeren Gebiet.

Obwohl die Oblast Tscheljabinsk dicht besiedelt ist, waren die Schäden diesmal vergleichsweise gering: Rund 1200 Personen wurden medizinisch behandelt, meist wegen Verletzungen durch zersplittertes Fensterglas.

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