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Die Venus, aufgenommen mit der Venus Monitoring Camera
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Venus: Zwillingsplanet der Erde

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ESA / Space in Member States / Germany

Wie sieht die Venus nach letzten Erkenntnissen aus? Unser Nachbarplanet ist eine brodelnde Hölle mit Schwefelsäure-Wolken, Riesenvulkanen, Hitzetälern,Geröllwüsten undgewaltigen Stürmen bis zu 400 Kilometern pro Stunde.

Die mittlere Oberflächentemperatur liegt bei 477 Grad Celsius. Heiß genug, um Metalle und Legierungen, wie Blei, Zink und Messing schmelzen zu lassen. Neben der Gluthitze herrscht ein Druck von 93 bar, vergleichbar dem irdischen Druck in fast 1000 Meter Wassertiefe.

Das rastlose Luftmeer

Venus Express hat erstmals die Gashülle des heißesten inneren Planeten intensiv untersucht. Es zeichnet sich folgendes Bild ab: Die Troposphäre, also die Region, in der sich das planetare Wettergeschehen abspielt, reicht bis in eine Höhe von 100 Kilometern (Erde: 10 Kilometer). Von der Troposphäre geht es sogleich in die Ionosphäre über.

Das Hauptwettergeschehen vollzieht sich etwa zwischen 45 und 70 Kilometer Höhe. Hier liegen drei dicke Wolkenbänder, die die Venus völlig einhüllen. Innerhalb dieser Wolkenschichten treten mächtige Stürme auf, die bis zu Hurrikane-Stärke reichen. Die oberen Atmosphärenwolken jetten mit Spitzengeschwindigkeiten von 400 Kilometern pro Stunde – dreimal schneller als jeder irdische Orkan – über den Äquator. Unterhalb der Wolkenschichten nimmt der Wind rapide ab, am Boden herrscht sogar überwiegend Windstille.

Die Venusatmosphäre spiegelt den Zustand aus der Frühzeit der Planetenentstehung vor 4,6 Milliarden Jahren wider. Sie enthält 96,5 Prozent Kohlendioxid sowie 3,5 Prozent Stickstoff. In unterschiedlichen Höhen sind auch Spuren von Schwefeldioxid, Wasser sowie Schwefelsäure zu finden. Messungen belegen, dass Wasserstoff- und Sauerstoffatome im Verhältnis 2:1 aus der Atmosphäre in den freien Weltraum gelangen. Offensichtlich steigt das von der Planetenoberfläche stammende Wasser als Dampf in die höheren Atmosphärenschichten auf und wird dort in seine Bestandteile aufgespalten.Für den intensiven Treibhauseffekt sind Kohlen- und Schwefeldioxid sowie Wasser verantwortlich.

Wilder Planet mit Megavulkanen

Es gibt einige Indizien, dass auch heute noch Vulkane auf der Venus aktiv sind.
Es gibt einige Indizien, dass auch heute noch Vulkane auf der Venus aktiv sind.

Es gibt keine Kontinente. Die Venusoberfläche scheint aus einer in sich geschlossenen, etwa 50 bis 100 Kilometer mächtigen harten Kruste zu bestehen. Sie ist vermutlich vier- bis fünfhundert Millionen Jahre alt. Geologen vermuten, dass diese Kruste ein Stück Frühzeit der Erdgeschichte widerspiegelt.

Die Venus verfügt über gewaltige Bergketten, von denen die höchsten die Maxwell Montes mit 11 800 Meter sind. Tausende Vulkane überziehen den Planeten. Darunter befinden sich Giganten, wie der 8000 Meter hohe Maat Mons am Venusäquator oder der Theia Mons mit einem Basisdurchmesser von 700 Kilometern.

Ist die Venus heute noch aktiv? Schwankende Konzentrationen von Schwefeldioxid deuten darauf hin. Auf Aufnahmen von Venus Express entdeckten die Planetenforscher 2,5 Millionen Jahre alte Lavaströme. In geologischen Maßstäben gesehen ist das Material sehr jung. Zudem fand die ESA-Raumsonde auf Infrarotaufnahmen heiße Flecken auf der Venusoberfläche, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf heute noch andauernden aktiven Vulkanismus schließen lassen.

Venus als Studienobjekt der Erde

In der Venus-Atmosphäre wurde die Wasserstoff-Sauerstoff-Verbindung Hydroxyl entdeckt, ein Indiz, dass es früher auf der Venus Wasser gab?
In der Venus-Atmosphäre wurde die Wasserstoff-Sauerstoff-Verbindung Hydroxyl entdeckt, ein Indiz, dass es früher auf der Venus Wasser gab?

Venus ähnelt in den Hauptparametern der Erde: Größe, Masse, Dichte sowie innerer Aufbau stimmen annähernd überein. Auch die Schwerkraft ist nahezu ähnlich: Ein 80 Kilogramm schweres irdisches Wesen würde auf der Venus 72 Kilogramm auf die Waage bringen. Physikalisch lässt sich die Venus daher auch als die kleinere Zwillingsschwester der Erde darstellen.

Warum haben beide Planeten eine so unterschiedliche Entwicklung vollzogen? Wie wurde die Venus zur brütenden Klimahölle? Vermutlich haben Vulkane über Jahrmillionen Myriaden Tonnen von Kohlendioxid und Schwefel ausgepustet und damit jenen Treibhauseffekt ausgelöst, der bis heute anhält und den Planeten aufheizt. Infolge der Hitze sind Seen, Flussläufe und Meere – falls es Wasser auf der Venus jemals gegeben haben sollte – verdampft. In den oberen Schichten der Venusatmosphäre schloss sich dann die Umweltkatastrophe. Der aufsteigende Wasserdampf wurde durch das UV-Licht der Sonne in seine Bestandteile zerlegt, der Wasserstoff verflüchtigte sich ins All.

Derartige Prozesse fanden ansatzweise auch auf der Erde statt, doch hier wirkten Regenschauer als atmosphärische Waschanlage. Die Planetenforscher sehen deshalb in der Venus ein hervorragendes Studienobjekt, um viel über die frühen Erdjahre erfahren zu können.

Droht der Erde ein ähnliches Schicksal?

Der Nachbarplanet vermittelt uns aber auch ein eindrucksvolles Bild von dem, was für Auswirkungen ein langzeitiger Klimawechsel mit sich bringen würde. Ein ähnlicherTreibhauseffekt hätte für das Leben auf der Erde verheerende Folgen. Geht der zunehmende Eintrag von Treibhausgasenungestört weiter, dann ließe sich das heutige Bild der Venus auf die Erde übertragen. Die Fragen, die Europas Planetenforscher anhand der Messergebnisse von Venus Express klären wollen, sind daher äußerst lebensnah und von eminenter Bedeutung für die Zukunft des blauen Planeten.

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