Gesucht: männliche Marspioniere


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Zwei Monate im Bett
 
 
13 Januar 2003
 
In Berlin werden zurzeit „terrestrische Astronauten“ rekrutiert, um den ersten bemannten Flug zum Mars vorzubereiten. Für eine Studie zu den Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den Muskel- und Knochenapparat sucht das Zentrum für Muskel- und Knochenforschung (ZMK) in Kooperation mit der Europäischen Weltraumagentur ESA zwanzig körperlich stabile und willensstarke Männer zwischen 20 und 45 Jahren.
 
Den Bewerbern, die das Rennen schließlich machen, stehen acht Wochen strenges Dauerliegen auf der Isolierstation bevor: Durch strikte Bettruhe sollen in der „Berliner Bed Rest Studie“ die Bedingungen der Schwerelosigkeit simuliert werden. Die Studie wird am Benjamin Franklin Klinikum der Freien Universität Berlin durchgeführt und läuft Mitte Februar an.
 
 
Closely monitored
 
Unter strenger medizinischer Aufsicht
 
 
Topfit zum Mars
 
Im Rahmen ihres Erkundungsprogramms Aurora arbeitet die ESA an der Entwicklung von Technologien, die bis 2030 einen Menschheitstraum erfüllen sollen: den bemannten Flug zum Mars. Doch bevor der erste Mensch seinen Fußabdruck im Staub des Roten Planeten hinterlassen kann, sind neben technischen auch eine Fülle physiologisch-medizinischer Probleme zu bewältigen. Der Trip zum Mars bedeutet für die Astronauten einen möglicherweise jahrelangen Aufenthalt in Schwerelosigkeit. Die Folgen dieser enormen körperlichen Belastung können die gesamte Mission zum Scheitern bringen, wenn die Astronauten bei der Ankunft nicht mehr fit genug sind, um ihre Aufgaben auf dem Roten Planeten zu erfüllen.
 
 
Shower in bed
 
Duschen in Liegen
 
 
Hauptproblem: Muskel- und Knochenschwund
 
Zu einem besonderen Problem kann der Muskel- und Knochenschwund werden, der sich bei Langzeitaufenthalten in der Schwerelosigkeit einstellt. Durch die zu geringe Belastung des Bewegungsapparates bildet sich die Muskulatur zurück, vor allem die Muskeln der Beine, des Beckenbereichs und des unteren Rückens. Zugleich kommt es durch die Muskelatrophie und mangelnde Beanspruchung zum Abbau von Knochenmasse. Die Berliner Bettruhestudie des ZMK soll daher helfen, genauer zu verstehen, wie Muskelabbau und Knochenschwund wechselseitig wirken. Außerdem wird ein neuartiges Trainingsgerät eingesetzt, das durch Vibration den Muskel- und Knochenaufbau stimuliert. Am Universitätsklinikum Benjamin Franklin wird das Gerät bereits erfolgreich genutzt. Nun soll geprüft werden, ob diese Methode auch bei Langzeitmissionen im All verhindern kann, dass Muskulatur und Knochen schlapp machen. Schließlich sollen die ersten Menschen ihren Fuß auf den Mars setzen können, ohne Knochenbrüche zu riskieren.
 
 
Bedrest eating
 
Leben in der Horizontalen: Essen
 
 
Eiserne Disziplin gefordert
 
Den Testpersonen, die schließlich für die Berliner Studie ausgewählt werden, steht ein Programm bevor, das eisernes Durchhaltevermögen erfordert. Sie müssen acht Wochen nonstop im Liegen verbringen und dabei jede größere Kraftentwicklung in den unteren Extremitäten vermeiden. Geduscht wird ebenfalls im Liegen und selbst der Abort wird in der Waagrechten aufgesucht. Die Probanden werden – von der Außenwelt isoliert – in Zweibettzimmern untergebracht und rund um die Uhr videoüberwacht. Private persönliche Kontakte müssen während des gesamten virtuellen Fluges unterbleiben.
 
 
At work
 
Arbeiten im Bett
 
 
Wer aufsteht, fliegt raus
 
Wer sich als Studienteilnehmer qualifizieren will, muss daher einige Hürden nehmen. „Die Probanden müssen sehr ähnliche körperliche und mentale Eigenschaften aufweisen wie Astronauten, die ins All fliegen“, so Professor Dieter Felsenberg, der die Bettruhestudie leitet. Neben einem guten Gesundheitszustand und psychischer Stabilität ist die Fähigkeit gefordert, Grenzsituationen durchzustehen. Das Auswahlverfahren ist streng. „Nur etwa einer von hundert Bewerbern kommt schließlich als Testperson in Frage“, erklärt Professor Felsenberg.

Jedem virtuellen Astronauten werden ein Telefon, ein eigenes Fernsehgerät und ein PC mit Internetanschluss zur Verfügung gestellt. Außerdem winkt eine Aufwandsentschädigung von 5000 Euro pro Mann. Gezahlt wird allerdings nur, wenn der Proband die Studienbedingungen streng einhält. Wer schummelt, produziert falsche Ergebnisse, die dann auf andere Programme übertragen werden. Das kann schließlich für die Astronauten fatale Folgen haben. Die Einhaltung strikter Bettruhe ist daher oberstes Gebot. Professor Felsenberg bringt es auf den Punkt: „Wer aufsteht, fliegt raus“.

Langzeitfolgen haben die Testpersonen nicht zu befürchten. Etwa eine Woche nach dem Aufstehen ist die Alltagstauglichkeit aus medizinisch-physiologischer Sicht weitgehend wieder hergestellt.
 
 
Bewerbungen
 
Ernsthafte Interessenten können sich beim zentralen Rekrutierungsbüro des Zentrums für Muskel und Knochenforschung (ZMK) in Berlin bewerben:
Telefon: 030 - 8445-4261
E-Mail: bbr_kontakt@medizin.fu-berlin.de

Weitere Informationen zur Studie und zu den Teilnahmebedingungen:
www.medizin.fu-berlin.de
 
 


Artikel zum Thema

 •  Mission accomplished (http://www.esa.int/esaCP/ESASNXZ84UC_Life_0.html)
 •  Lying down on the job (http://www.esa.int/esaCP/ESAO09Z84UC_Life_0.html)
 •  Three months in bed to simulate effects of long-duration Space Station missions (http://www.esa.int/esaCP/ESAXG12VMOC_Life_0.html)

Links zum Thema

 •  FU Berlin (http://www.medizin.fu-berlin.de)
 •  MEDES (pilote du projet) (http://www.medes.fr/)