Anke Hartmanns' Postkarte aus Kourou

Ankes Erdflagge
Ankes Erdflagge
17 Mai 2002

Meine aufregende Reise ist nun zu Ende. Ich bin zurück in der Schule und der Alltag hat mich wieder. Ihr kennt das sicher: Wenn man jemanden eine Postkarte schickt, dann kommt sie immer erst an, wenn die schöne Zeit schon vorbei ist. Hier also ein kurzer Reisebericht mit ein paar Fotos, die ich in Französisch-Guyana geschossen habe.

Ich widme diesen Bericht all jenen bei der ESA, vom Team des Weltraumbahnhofs und in Guyana, die mir diese Reise und damit eine aufregende Erfahrung ermöglicht haben. Ganz besonders möchte ich Alain Bondinet von Takari-Tours danken, den ich nie vergessen werde. Er war großartig und hat uns viel von Guyana gezeigt, was wir ohne ihn nie kennen gelernt hätten. Wenn es um Guyana geht, ist Alain eine Art wandelndes Lexikon.

Anke Hartmanns und Juliette Blum
Anke Hartmanns und Juliette Blum

Nachdem wir am Mittwoch, dem 27. Februar, nach mehr als neunstündigem Flug angekommen waren, machten wir uns auf zu unserem Hotel in der Hauptstadt Cayenne. Auf der Fahrt dorthin bombardierte Sean Blair, der für das ESA-Internet-Portal schreibt, mich und Juliette Blum (eine Wettbewerbsgewinnerin aus London) mit Fragen. Am 28. Februar brachen wir sehr früh auf, um uns den Weltraumbahnhof in Kourou anzusehen. Von Cayenne nach Kourou sind es ungefähr 60 Kilometer, eine Strecke, die wir in den nächsten Tagen mehrmals zurücklegten. In Kourou mußten wir durch viele Sicherheitskontrollen. Zum ersten Mal wurden wir auf dem Weg ins Kontrollzentrum überprüft, wo ich Herrn Luton von Arianespace vorgestellt wurde.

Ariane 4-Trägerrakete in der Montagehalle
Ariane 4-Trägerrakete in der Montagehalle

Das Kontrollzentrum sah ein bißchen wie ein futuristisches Kino aus, vollgestopft mit Technik. Als nächstes besichtigten wir die Montagehalle und das Startgelände. Ziemlich beeindruckend, wie die Leute in der Halle mit dem Fahrstuhl zu ihren Arbeitsplätzen hochfuhren. Sie arbeiteten in mehreren Stockwerken rund um die fast fertige Rakete herum. Dann gingen wir in das ELA3-Kontrollzentrum, von wo aus die Ariane 5 mit Envisat überwacht wurde. Ich fand es weniger beeindruckend als den Jupiter-Kontrollraum. Alle, die sich in diesem Raum aufhalten, werden während der Startphase eingeschlossen, aus Sicherheitsgründen – für mich wäre das nichts! Vom Dach des Gebäudes hatten wir einen prima Überblick über den gesamten Startkomplex. Auch die Ariane 5 konnten wir von dort aus sehen. Leider war sie so weit weg, dass man meine Zeichnung auf der Rakete nicht erkennen konnte. Ich muß gestehen, das hat mich ein bißchen enttäuscht.

Danach gingen wir zurück zum Haupteingang und sahen uns zwei Stunden lang das wirklich interessante Weltraum-Museum an. In dem Shop dort hatten sie einen Hut mit blauer Krempe und einem stilisierten Ariane-Motiv darauf, den ich unbedingt kaufen mußte. Was mit dem Hut dann passiert ist, erfahrt ihr später.

Ein Tapir in Französisch-Guyana
Ein Tapir in Französisch-Guyana

Den nächsten Stop legten wir im Restaurant des Zoos von Macouria ein, um etwas zu essen. Es regnete heftig und ich fürchtete schon, der Zoo-Besuch würde ins Wasser fallen. Aber wir hatten Glück: Die Sonne kam wieder heraus (wir hatten übrigens die ganze Zeit um die 30 Grad Celsius und die Luft war extrem feucht). Ich fand den Zoo ziemlich interessant, aber einige der Tiere wurden in viel zu engen Käfigen gehalten. Wir sahen große Papageien, Tukane, verschiedene Affenarten, acht Jaguare, Schlangen und vieles mehr – und zwei riesige Kaimane, die nur durch einen kleinen Zaun von uns getrennt waren. Alain machte ihre Geräusche nach und auf einmal kamen sie auf uns zu. Da bin ich schon ein bißchen erschrocken.

Envisat steigt in den Nachthimmel
Envisat steigt in den Nachthimmel

Nach einer kurzen Ruhepause im Hotel in Cayenne fuhren wir nach Kourou zurück, um beim Start von Envisat dabei zu sein. Auch dieses Mal gab es mehrere Sicherheitskontrollen, bis wir schließlich das Startgelände erreichten. Um den Start zu beobachten, mußten wir auf einen Turm steigen, den so genannten Venus-Turm. Obwohl der Turm nur etwa 200 Meter vom Jupiter-Kontrollraum entfernt lag, wurden wir auf dem Weg dorthin noch zweimal von Sicherheitsleuten kontrolliert. Die Nacht war sternklar, man sah den Mond und kaum Wolken am Himmel.
Der Countdown rückte näher und schließlich hörte ich die Franzosen (seit etwa einem Jahr lerne ich Französisch in der Schule) rückwärts von 10 bis Null zählen. Bei Null war zuerst gar nichts zu sehen. Dann plötzlich grelles Licht, ein großer weißer Feuerball in der Nacht, aus dem die Ariane mit Envisat an der Spitze in den Himmel stieg.
Ihr müßt euch das vorstellen – zunächst absolute Stille. Erst eine Minute nach der Zündung kam der Startlärm bei uns an. Das Donnern war genauso überwältigend wie das blendend weiße Licht, dass die Nacht taghell erleuchtete (wie mir mein Vater erklärte, entsteht das grelle Licht durch die Verbrennung von Aluminiumverbindungen in den Feststoffraketen).
Als die Ariane durch eine Wolke stieß, wurde das Licht gebrochen und einen Moment lang dachte ich, es geht etwas schief. Aber nach dem Start verlief alles nach Plan. Davon war ich auch ausgegangen, meine Zeichnung war ja als Glücksbringer für einen erfolgreichen Start von Envisat gedacht!

Ruinen auf den Iles du Salut, Französisch-Guyana
Ruinen auf den Iles du Salut, Französisch-Guyana

Am nächsten Tag brachen wir wieder sehr früh nach Kourou auf und ich brachte meine Karten für die Wettbewerbsgewinner aus den anderen Ländern zur Post. Anschließend fuhren wir zum Kourou-Fluß, wo wir einen Katamaran bestiegen, der uns zu den Teufelsinseln brachte. Frankreich nutzte diese Inseln bis 1951 als Strafkolonie für zeitweise bis zu 2000 Gefangene; einer der berühmtesten Sträflinge war der Hauptmann Dreyfuss – und vielleicht haben ihr ja auch den Film "Papillion" gesehen. Wenn nicht, dann müßt ihr die Geschichte eben lesen. Die Überfahrt war recht stürmisch. Einige der Passagiere wurden ziemlich naß und andere kämpften mit der Seekrankheit, aber ich habe den Trip sehr genossen. Meinen neuen Hut, den ich eigentlich aufsetzen wollte, um keinen Sonnenbrand zu bekommen, mußte ich im Rucksack meines Vaters verstauen, sonst hätte der Wind ihn mir vom Kopf gerissen. Nach etwa einer Stunde erreichten wir die erste Insel –"St. Joseph"– auf der die Gefängnisse standen. Wir streiften durch die Ruinen der Gebäude und wanderten um die Insel. Und die ganze Zeit erklärte uns Alain tausend Dinge. Auf der Insel hatte auch die französische Fremdenlegion ein Lager aufgeschlagen.

Ein Leguan in Französisch-Guyana
Ein Leguan in Französisch-Guyana

Nach zweieinhalb Stunden legte der Katamaran wieder ab und wir fuhren zu der zweiten größeren Insel, wo wir zu Mittag aßen. Beim Essen kam ein Papagei zu uns an den Tisch. Und im Unterholz sah ich einen Agouti und ein paar große grüne Leguane. Während die anderen sich ausruhten, gingen wir mit Alain zu einem kleinen Strand. Wir wollten im Meer schwimmen gehen (was sehr erfrischend war, aber auch ein wenig unheimlich, weil am Strand ein Gedenkstein stand, der an einen chinesischen Raumfahrt-Manager erinnert, der hier 1997 ums Leben gekommen war). Anschließend wanderten wir um die Insel und stießen am Hafen zum Rest der Gruppe. Dann ging es zurück nach Kourou.

Eins muß ich noch erzählen: Wir hatten gerade abgelegt, da geschah etwas echt Unglaubliches. Ich hatte es mir an Deck gemütlich gemacht, den Kopf an die Schiffswand gelehnt. Als Kissen diente mir mein neuer Hut. Als jemand vorbei wollte und über mich stieg, hob ich den Kopf und mein schöner Hut wurde davon geweht! Ich kann euch sagen, in diesem Moment war ich richtig traurig. Abends gingen wir in Cayenne essen, und zwar im "La Paris de Cayenne", einem der besten Restaurants in Guyana. Es war wirklich Spitze, und als wir aufbrachen, spielten sie extra für mich einen Song namens "Star" (ich glaube, das hatte Alain arrangiert).

Der Markt von Cayenne in Französisch-Guyana.
Der Markt von Cayenne in Französisch-Guyana.

Am nächsten Morgen (Samstag) besuchten wir den Markt in Cayenne. Uns erwartete ein kunterbuntes Durcheinander von Farben und Geräuschen. Menschen aller Hautfarben waren unterwegs, die hier offensichtlich in Frieden zusammenleben. Mein Vater kaufte Zitronen und Rum und meine Mutter gefärbten Baumwollstoff.
Anschließend gingen wir ins Hotel zurück, packten unsere Sachen zusammen und checkten aus. Mit dem Auto ging es dann zu einer kleinen Bucht namens "La Crique Gabrielle". Von dort aus fuhren wir mit einem ziemlich langen Boot den Fluß hinauf zu einer Art Plantage im Dschungel. Auf einem Spaziergang durchstreiften wir die Plantage, wobei uns Alain alles mögliche erklärte. Es gab viel zu sehen: Kakaobäume voller Früchte, Ingwerpflanzen, Paranüsse, Seifenfrüchte, Avocado- und Brotfruchtbäume, duftendes Rosenholz und rötlichgelbe Blumen. Schließlich kehrten wir zum Boot zurück.

Nach dem Abendessen – es gab gewürzten Maniok und gekochtes Fleisch in einem Bananenblatt – mußten wir zum Flughafen aufbrechen, um den Rückflug nicht zu verpassen. Nach sieben Stunden im Flugzeug landeten wir in Paris-Orly. Vom Flughafen Orly fuhren wir zum Flughafen Charles-de-Gaulle außerhalb von Paris, um nach Hause zu fliegen. Weil unser Flugzeug überbucht war, setzte mich die Air France dort auf die Warteliste. Zum Glück konnte mein Vater alles regeln, so dass ich nicht allein sechs Stunden in Paris warten mußte.

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