Kluge Köpfe

Einige österreichische oder in Österreich lebende Wissenschaftler haben merklich zum Fortschritt in der Raumfahrt, der Weltraumforschung oder deren wissenschaftlichen Grundlagen beigetragen. Einige von ihnen sind im folgenden beschrieben.

Besonderer Dank gilt an dieser Stelle der Austrian Space Agency, mit deren freundlicher Erlaubnis wir für den grössten Teil der folgenden Kurzbiographien Texte der ASA homepage übersetzt haben.

Conrad Haas (1509 – 1576)

Conrad Haas
Conrad Haas - Selbstbildnis 1551

Conraad Has wurde um 1509 in Dornbach bei Wien geboren und kam im Jahre 1551 im Gefolge der Befreiungstruppen Kaiser Ferdinands nach Hermannstadt, wo er die Leitung des Kriegsarsenals übernahm.

Zwischen 1529 und 1556 verfasste er das „Kunstbuch“, eine 282seitige Abhandlung über Raketentechnik in den beiden damals bekannten Einsatzbereichen, als Feuerwerksträger und als Waffe. Darin geht Haas auf fertigungstechnische Detailfragen des Raketenbaus ein, wobei er auch das Wirkungsprinzip der Rakete erklärt, und beschreibt eine Vielzahl von Raketentypen, beispielsweise die Mehrstufenrakete, die Bündelrakete und die Idee des modernen Raumschiffs. Ferner beschäftigt er sich mit der Anordnung der Treibstoffsätze bei Stufenraketen, verschiedenen Treibstoffgemischen inklusive Flüssigtreibstoff und führte deltaförmige Stabilisierungsflossen ein. Dieses Werk wurde jedoch erst 1961 in Form einer Handschrift im Hermannstädter Staatsarchiv gefunden.

Conrad Haas blieb auch nach dem Rückzug der österreichischen Truppen 1556 bis zu seinem Tod im Jahre 1576 in Hermannstadt.

Johannes Kepler (1571-1630)

Johannes Kepler
Johannes Kepler

Johannes Kepler wurde am 27. Dezember 1571 in Weil der Stadt (Württemberg) geboren, lebte und arbeitete in Tübingen, Graz, Linz und Prag und starb am 15. November 1630 in Regensburg. Er stellte zu Beginn des 17. Jahrhunderts die mathematischen Gesetze auf, die die Bewegung der Planeten um die Sonne beschreiben und die wir heute als die „Keplerschen Gesetze“ kennen. Kepler entdeckte, dass die Planetenbahnen nicht kreisförmig sind, wie es alle bisherigen Modelle, z.B. von Ptolemäus und Kopernikus, annahmen.

Das erste Keplersche Gesetz besagt, dass die Planeten in elliptischen Bahnen um die Sonne ziehen, die in einem der beiden Brennpunkte der Ellipse steht. Nach dem zweiten Keplerschen Gesetz überstreicht der Radius zwischen Planet und Sonne in gleicher Zeit gleiche Flächen. Nach dem dritten Keplerschen Gesetz verhalten sich die Quadrate der Umlaufzeiten der Planeten zueinander wie die dritten Potenzen ihrer Abstände von der Sonne.

Die Keplerschen Gesetze beschreiben also die Bewegung der Erde, des Mondes und der Planeten, ebenso die von Satelliten und anderen Himmelskörpern. Durch die Erkenntnis der elliptischen Form der Planetenbahnen und die Keplerschen Gesetze gelangte man zu wesentlich genaueren Vorausberechnungen als bisher. Gleichzeitig stieg das Vertrauen in die Richtigkeit des heliozentrischen Systems.

Guido von Pirquet (1880 – 1966)

Guido von Pirquet
Guido von Pirquet

Guido von Pirquet wurde am 30. März 1880 in Hirschstetten bei Wien geboren. Er stammte aus einer alten österreichischen Familie, sein Bruder war der weltweit angesehene Arzt Clemens von Pirquet.

Guido von Pirquet studierte Maschinenbau in Wien und Graz und erlangte Anerkennung durch bemerkenswerte Kenntnisse in der Ballistik und Thermodynamik. Im Jahr 1926 war er Mitbegründer der Österreichischen Gesellschaft für Weltraumforschung.

Seine wichtigsten Beiträge zur Raumfahrt waren sein Buch „Die Möglichkeit der Weltraumfahrt“ von 1928 und eine Serie von Artikeln über interplanetare Flugbahnen zur Venus, zu Mars, Jupiter und Saturn in der Zeitschrift „Die Rakete“des „Vereins für Raumschiffahrt“.

Ebenfalls 1928 führte Pirquet Berechnungen zur notwendigen Grösse der Düse einer bemannten Rakete zum Mars durch und kam zum Schluss, dass eine Rakete für den Start direkt von der Erdoberfläche aus zu gross sein müsste und für eine bemannte Mission zum Mars daher eine Raumstation in der Erdumlaufbahn als Integrationsplattform nötig wäre.

Pirquets 1928 veröffenlichte Flugbahn für eine Raumsonde zur Venus ist dieselbe, die von der ersten sowjetischen interplanetaren Sonde zur Venus benutzt wurde.

Guido von Pirquet starb am 17. April 1966 in Wien.

Franz von Hoefft (1882 – 1954)

Franz von Hoefft
Franz von Hoefft

Franz von Hoefft wurde 1882 in Wien geboren. Er studierte Chemie in Wien und Göttingen und schloss sein Studium 1907 ab. Dann arbeitete er als Heizungsingenieur, als Prüfer am österreichischen Patentamt und als Berater.

Während der Zwanziger Jahre wurden einige Raketengesellschaften gegründet, die viel zur Verbreitung der Idee des Raketenflugs beigetragen haben. D. Hoefft gründete 1926 die erste raumfahrtbezogene Gesellschaft in Westeuropa, die „Wissenschaftliche Gesellschaft für Höhenforschung in Wien“.

Hoefft, ein Spezialist für Raketentreibstoffe, schlug ein bemerkenswertes Programm zur Raketenentwicklung vor. Dabei war der erste Schritt die Entwicklung einer Flüssigtreibstoffrakete genannt RH-I (RH für Rückstoss Hoefft). Diese Rakete sollte von Ballons zu einer Höhe von 5 bis 20 Kilometern transportiert und dort gestartet werden. Sie sollte für Raketenpost und photographische Erdbeobachtung genutzt werden. Die Tragkraft dieser Raketen sollte ständig ausgebaut werden bis zur letzten Entwicklungsstufe, dem Raumschiff RH-IVV. Einer der Zwischenschritte, das bemannte Raumfahrzeug RH-V, sollte in elliptischen Bahnen um die Erde fliegen. Die spezielle Form des RH-V sollte es ermöglichen, auf Kufen auf Wasser zu starten und zu landen und innerhalb der Atmosphäre als Flugzeug, ausserhalb als Rakete zu fliegen. RH-V könnte auch als Oberstufe für RH-VI bis VIII verwendet werden, die von einer Raumstation aus gestartet werden sollten, um andere Planeten zu erreichen oder sogar das Sonnensystem zu verlassen.

Hoefft hatte jedoch nie die Möglichkeit, sein visionäres Programm durch praktische Beiträge zu fördern. Er starb 1954 in Linz.

Franz Abdon Ulinski (1890 – 1974)

Franz Abdon Ulinski
Franz Abdon Ulinski

Franz Abdon Ulinski wurde 1890 in Blosdorf, Moravien (heute Mljadejov, Tschechien) geboren. Nach Schulende trat er 1910 in die Armee des Österreichisch-Ungarischen Reichs ein. Er war dort in verschiedenen Positionen tätig, während des Ersten Weltkriegs als technischer Offizier der Luftwaffe.

Gegen 1919 entwarf er ein Raumfahrzeug, das durch einen Strahl von Elektronen (oder Ionen) angetrieben werden sollte. Ein Jahr später veröffentlichte er diese Idee in einer Zeitschrift für Aeronautik in Wien. Er schlug zwei Arten von Stromversorgung vor, einerseits Solarzellen zur Anhäufung von Energie zu verwenden, andererseits Atomspaltung. Ulinskis Ideen zum Raumfahrzeugantrieb waren ihrer Zeit voraus und wurden nicht ernstgenommen. Ein Grund dafür war sicher die Menge an Energie, die nötig wäre, um die Erdanziehungskraft mit solch einem Raumfahrzeug zu überwinden. Dennoch erweist sich sein Konzept als wichtig für bemannte Raumflüge zu anderen Planeten, vor allem als wirtschaftliche Lösung, wenn der Start von einer Station in der Erdumlaufbahn aus erfolgt.

Die technologische Entwicklung benötigte geraume Zeit, aber vor kurzem wurde eine Raumsonde mit Ionenantrieb gestartet, um das Prinzip zu demonstrieren. Deep Space One fliegt an einem Asteroiden vorbei, bevor seine Bahn es in die Nähe eines Kometen führt. Eine weitere Anwendung des Ionenantriebs ist die Stabilisierung von Satelliten in der Erdumlaufbahn.

Franz Abdon Ulinski starb 1974 in Wels.

Herman Potocnik (1892 – 1929)

Potocniks
Potocniks "Wohnrad"

Herman Potocnik, der Arbeiten auch unter dem Pseudonym Hermann Noordung veröffentlichte, wurde am 22. Dezember 1892 in Pola (heute Pula, Kroatien) geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg, den er im Militärdienst bei einem Eisenbahnregiment verbrachte, studierte er Elektrotechnik in Wien.

1929 veröffentlichte er sein Buch „Das Problem der Befahrung des Weltraums – der Raketenmotor“, worin er unter anderem einen detaillierten Entwurf für eine Raumstation vorstellte. Diese Station bestand aus bis zu drei Modulen, dem „Wohnrad“, dem Kraftwerk und dem Observatorium, die mit Kabeln miteinander verbunden wären. Das „Wohnrad“ rotiert, um im Wohnbereich künstliche Schwerkraft zu erzeugen, und Parabolspiegel konzentrieren die Sonneneinstrahlung zur Stromgewinnung über ein Hitzekraftwerk. Potocnik hatte alle notwendigen Gerätschaften seiner Raumstation bis ins Detail geplant. Wernher von Brauns Raumstationsentwurf von 1953 folgt einem ganz ähnlichen Prinzip. Desweiteren stellte Potocnik in seinem Buch das Prinzip der „stehenden Satelliten“ vor, wie man Satelliten ca. 36 000 Kilometer über dem Äquator so positionieren kann, dass sie rund um die Uhr über einem ganz bestimmten Punkt auf der Erde sichtbar sind. Heutzutage spielen Satelliten in dieser sogenannten geostationären Umlaufbahn eine wichtige Rolle für Telekommunikation und Wetterbeobachtung.

Herman Potocnik erlag am 27. Juli 1929 in Wien einem Tuberkuloseleiden, das er sich im Krieg zugezogen hatte.

Hermann Oberth (1894-1989)

Hermann Oberth
Hermann Oberth

Hermann Oberth wurde am 25. Juni 1894 in Hermannstadt (Siebenbürgen) geboren.

Mit seinen Werken "Die Rakete zu den Planetenräumen"(1923) und "Die Wege zur Raumschiffahrt" (1929) schuf er die wissenschaftliche Grundlage für die Entwicklung von Raketen und für die bemannte Raumfahrt. Er beschrieb darin schon fast jedes Raumfahrtkonzept, das bis heute verwirklicht wurde: von den ersten Raketen und den ersten Satelliten bis zur Landung auf dem Mond; von interplanetaren Raumsonden und wiederverwendbaren Raumfähren bis zu international bemannten Raumstationen. 1927 gründete er den “Verein für Raumschiffahrt”. Im Herbst 1929 wurde Oberths erster Raketenmotor für Flüssigtreibstoffe, die "Kegeldüse", erfolgreich gezündet.

In den 40er und 50er Jahren folgten weitere Veröffentlichungen, darunter eine Grundlagenarbeit zur Optimierung mehrstufiger Raketen. 1955 stiess Oberth in Huntsville/USA zu seinem ehemaligen Schüler Wernher von Braun, der zum Leiter des amerikanischen Raketenprogramms aufgestiegen war.

Oberth erkannte sehr früh die wirtschaftliche Dimension der Raumfahrttechnik. Anwendungsvorschläge, die er als erster formulierte, reichen von Nachrichten- und Wettersatelliten über geologische, landwirtschaftliche und geographische Erkundung aus dem All bis zur industriellen Produktion in erdnahen Raumstationen und auf dem Mond sowie extraterrestrischer Nutzung der Sonnenenergie durch Weltraumspiegel.

Hermann Oberth starb am 28. Dezember 1989 in Nürnberg.

Max Valier (1895 – 1930)

Max Valier
Max Valier

Max Valier wurde am 9. Februar 1895 in Bozen geboren. Er studierte Astronomie, Mathematik und Physik in Innsbruck, Wien und München, beendete sein Studium jedoch ohne Abschluss und arbeitete als wissenschaftlicher Autor.

1924 veröffentlichte er mit Hilfe von Hermann Oberth das Buch „Der Vorstoss in den Weltenraum“, in dem er in nichttechnischer Sprache ein Entwicklungsprogramm für den Fortschritt in der Raketentechnik beschreibt. Dieser Weg führt von Prüfstandversuchen über Raketenfahrzeuge und Gleiter zu raketenbetriebenen Flugzeugen, deren Leistung dann gesteigert werden sollte, bis hin zu einem raketengetriebenen Raumschiff. Das Buch wurde bis 1930 sechsmal aufgelegt.

Valier experimentierte, unter anderem gemeinsam mit Fritz von Opel, erfolgreich mit Raketenantrieben für Autos, Schlitten, Schienenfahrzeuge und Flugzeuge, mit verschiedenen Antriebsarten und Brennstoffen. Gegen 1929 begann er mit Flüssigtreibstoffen zu experimentieren. Als am 17. Mai 1930 eine Brennkammer auf dem Prüfstand explodierte, verunglückte er tödlich und gilt damit als erstes Opfer der Raumfahrt.

Max Valier starb im Alter von 35 Jahren in Berlin.

Friedrich Schmiedl (1902 – 1994) und Eugen Sänger (1905 – 1964)

Friedrich Schmiedl
Friedrich Schmiedl

Friedrich Schmiedl wurde 1902 in Schwertberg, Oberösterreich, geboren. Er studierte nach dem Ersten Weltkrieg in Graz eine Kombination aus Naturwissenschaften und Technik. Eher Experimentator als Theoretiker wendete er sich bald vom akademischen Bereich ab und arbeitete als Bauingenieur.

Nichtsdestrotrotz wurde er für die ersten Postraketenflüge der Welt bekannt. 1918 begann er Experimente mit Feststoffraketen und startete nach mehreren erfolglosen Anläufen 1931 seine „Versuchsrakete 7“, die 102 Briefe aus Schöckl in der Nähe von Graz zu einem Dorf in 5km Entfernung transportierte. Die Rakete war ferngesteuert und landete mit Hilfe eines Fallschirms. Schmiedl schlug Raketenpost für den Brieftransport zwischen Dörfern in Gebirgsregionen und zwischen den grossen Hauptstädten der Welt vor, hatte aber auch andere Anwendungen im Sinn. Er führte Hunderte von Raketentests durch und einige weitere erfolgreiche Posttransporte, konnte jedoch die österreichischen Funktionäre nicht von den Vorzügen seiner Entwicklung überzeugen. Einer der Gründe, warum seine Ideen der Raketenpost sich nicht durchsetzte, war die schnelle Entwicklung der Luftfahrt und daraus folgend die Etablierung von Luftpost Transportdiensten zwischen den Hauptstädten.

Friedrich Schmiedl starb 1994 in Graz.

Eugen Sänger wurde am 22. September 1905 im böhmischen Preßnitz geboren. Ab 1923 studierte er in Graz allgemeines Bauingenieurwesen, änderte jedoch nach der Lektüre von Hermann Oberths Buch “Die Rakete zu den Planetenräumen” seinen Studienschwerpunkt und schloss 1927 sein Studium in Flugzeugbau, Statik und Konstruktion ab.

1929 wurde in Wien seine Dissertationsarbeit "Raketenflugtechnik" abgelehnt, so promovierte er 1930 über ein Konstruktionsthema im Flugzeugbau. Er setzte seine frühere Arbeit jedoch fort und experimentierte mit Flüssigkeitstriebwerken und Treibstoffen. Sein darauf basierendes Buch "Raketenflugtechnik" (1933) wurde eines der Standardwerke der Raumfahrtliteratur. Ab 1936 arbeitete Sänger bei der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) in Berlin-Adlershofen. Neben Experimenten führte er weiterhin theoretische Überlegungen zum erdnahen Raumflug mit geringstmöglichem Energieaufwand durch.

Sänger war vom aeronautischen Weg zur Raumfahrt überzeugt, also der Weiterentwicklung von Flugzeugen zu Raumflugzeugen. Nicht zuletzt sah er in der Raumfahrt einen Weg aus den Problemen einer ständig wachsenden Rüstung, der auch für die grossen Industrie- und Forschungsbetriebe akzeptabel sei. Sänger war Mitbegründer der Internationalen Astronautischen Föderation IAF und setzte sich intensiv für eine internationale Zusammenarbeit in der Raumfahrt ein. 1962 wurde er als Professor an den neuen Lehrstuhl für "Elemente der Raumfahrttechnik" der TU Berlin berufen.

Eugen Sänger erlag am 10. Februar 1964 während einer Vorlesung einem Herzinfarkt.

Last update: 21 Februar 2013

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