Raumfahrttechnologie folgt dem Ruf der Berge

Kletterroboter überprüft die Stabilität von Rutschungen
Kletterroboter überprüft die Stabilität von Rutschungen
27 Oktober 2002

Auf einem innovativen Technologie-Workshop am 28. und 29. Oktober in Innsbruck will die Europäische Weltraumagentur ESA gemeinsam mit Partnern aus der Wirtschaft prüfen, wie Weltraumtechnik auch im alpinen Bereich nutzbringend eingesetzt werden kann. Bergrettung, Lawinenwarnung, Bergsport, Naturbeobachtungen – es sind viele Bereiche denkbar, die von einem solchen Technologietransfer profitieren könnten.

Mit ihrem Technologietransfer-Programm (TTP) sorgt die ESA seit über 10 Jahren dafür, dass Innovationen der Weltraumtechnik durch Adaption auch den Weg in unser tägliches Leben finden. „In mehr als 150 Fällen konnten Technologien aus der Raumfahrt bereits erfolgreich auf terrestrische Anwendungen übertragen werden, und 450 weitere technische Lösungen stehen für einen Transfer und die Lizenzvergabe bereit“, erläutert Dr. Pierre Brisson, der Leiter des ESA-Transferprogramms. „Wir möchten engere Kontakte zu Industrieunternehmen aufbauen und zusammen mit ihnen verfügbare Raumfahrttechnologien nutzen, um innovative Lösungen für ihre Probleme zu erarbeiten.“
Diesem Ziel dient auch der Workshop „Space Technology Transfer for Alpine Activities“, den die ESA in Innsbruck gemeinsam mit der österreichischen Weltraumagentur ASA und der Firma Enveo veranstaltet.

Automatische Alpinisten und Tunnelchecks per Radar

Weltraumradar spürt Schwachstellen in Tunnelanlagen und Stollen auf

Bereits heute wird Weltraumtechnologie erfolgreich im alpinen Bereich eingesetzt. Eine solch innovative Lösung ist beispielsweise der Roboclimber. Der Kletterroboter wurde dank ESA-Know-How aus der Robotik und der Satellitensteuerung entwickelt. Die Maschine wird eingesetzt, um die Konsistenz von Berghängen und Rutschungen zu untersuchen. Eine Anwendung, die auch für Bergsteiger interessant sein dürfte. Der ferngesteuerte Tele-Roboter nimmt selbständig geologische Untersuchungen vor. Dazu setzt er Bohrungen von bis zu 20 Metern Tiefe, ein gängiges Verfahren zur Überprüfung der Stabilität von Felswänden und Abhängen. Der automatische Alpinist kann seinen Job sogar noch in 80 Metern Höhe und bei einem Gefälle von 60 bis 80 Grad erledigen. Dabei arbeitet der Roboclimber schneller als seine menschlichen Kollegen. Das Plus: Die Maschine kann auch in sehr gefährlichem Terrain und unter extremen Umgebungsbedingungen eingesetzt werden kann.

Auch ein bodeneindringendes aktives Radarsystem, das die ESA für eine Mondrover-Mission entwickelt hat, konnte in eine alpine Anwendung umgesetzt werden. Das „Ground Penetrating Radar“ (GPR) wurde so modifiziert, dass sich damit die Beschaffenheit des Gesteins hinter den Wandungen von Tunneln und Bergwerksstollen überprüfen lässt. Das Gestein wird dabei per Radar „durchleuchtet“. Aus den reflektierten Signalen entstehen Bilder, die dem menschlichen Auge sonst verborgen bleiben.
Bislang mussten Tunnel und Bergwerksstollen per Sichtprüfung auf Anzeichen möglicher Instabilität untersucht werden. Die Prüfer waren dabei auf ihre Erfahrung und nicht zuletzt auf ihre Intuition angewiesen. Mit der neuen Radartechnologie können sie nun in das Innere des Wand- oder Deckengesteins blicken und so selbst feinste Risse mehr als einen Meter tief im Fels ausmachen, die möglicherweise Vorboten eines drohenden Einsturzes sind.

Brainstorming vor alpiner Kulisse

Der Workshop in Innsbruck ist als Kreativveranstaltung konzipiert. Die Teilnehmer sollen durch Brainstorming in Kleingruppen Ideen für Projekte entwickeln, die Technologien aus der Raumfahrt für alpine Anwendungen nutzbar machen. Es sollen effektive Lösungen für Probleme angedacht werden, die sich in den Alpen und in anderen Gebirgsregionen stellen. Im Vordergrund stehen praxisorientierte Anwendungen.

Der Workshop wendet sich an Industrieunternehmen und Organisationen, die Produkte und Systeme für den Einsatz in der Bergwelt entwickeln oder herstellen. Bislang haben Firmen aus Kanada, Norwegen, Deutschland, Österreich, Finnland, Italien, der Schweiz und den Niederlanden ihre Teilnahme zugesagt. Es sollen folgende Themen behandelt werden:

  • Sicherheit bei Such- und Rettungseinsätzen
  • Navigation
  • Lawinen- und Erdrutschwarnung sowie -bekämpfung
  • Sicherheit von Tunnelanlagen, Straßen und Drahtseilbahnen
  • Freizeitaktivitäten und Tourismus: Wärmeisolierung, Kommunikation und Navigation
  • Sicherheit im Bergsport: Skisport, Bergsteigen, Drachenfliegen und Bergwandern
  • Wasserressourcen: Wasserversorgung, -speicherung, -verwaltung sowie Wasserqualität
  • Neue Materialien für die Bergsicherheit
  • Abenteuer- und Extremsport-Equipment
  • Ökologie: Fernerkundung von Tieren, Waldbeobachtung und Pflanzenproduktion

Neben der Entwicklung konkreter Projektideen für alpine Anwendungen soll der Workshop auch dazu dienen, potenzielle Partner miteinander ins Gespräch zu bringen. Projekte, die durch den Workshop auf den Weg gebracht werden, können unter anderem mit einer Finanzierung durch das Technologietransfer-Programm der ESA rechnen.

Weitere Informationen:
ENVEO-Homepage – www.enveo.at/workshop

Helmut Rott, Thomas Nagler
ENVEO
Exlgasse 39/31, A-6020 Innsbruck (Österreich)
Tel./Fax: +43 (0) 512 93 73 75
Mobil: +43 (0) 676 936 15 65
E-Mail: office@enveo.at

David Raitt
Technology Transfer and Promotion Office
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E-Mail: david.raitt@esa.int

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