Rosen-Duft aus dem All

Die ISS im März 2001
13 Juni 2001

Die Chancen der Internationalen Raumstation ISS als Marktplatz im All sind riesengroß. Das ist das Fazit des von der ESA und dem DLR in Berlin veranstalteten "ISS Forums 2001" zur Kommerzialisierung des Weltraums. Die dreitägige Tagung stand unter dem Motto "ISS is open for business". Berlin wurde als Konferenzort bewußt gewählt. Die einzigartige Ost-West-Metropole befindet sich Aufbruch. Wie die ISS.

"Zen" heißt der außergewöhnliche Rosen-Duft aus dem All, mit dem der japanische Kosmetikkonzern Shiseido die Erdbewohner betören und seine Konzernkasse füllen will. Die auf dem Berliner ISS-Forum präsentierte außerirdische Parfümkreation ist das Ergebnis des Forschungsauftrages, den die japanische Astronautin Chiaki Mukai im Erdorbit zu lösen hatte. Die Alltagsfrage lautete: Wie duftet eine Rose im All? Das Ergebnis mag überraschen: Die rosa blühende Test-Rosenpflanze veränderte in der Schwerelosigkeit gravierend ihren Duft.

Marktplatz in 400 km Höhe

So, wie Shiseido daraus ein neues Produkt kreierte, sollen Unternehmen aus allen Branchen das Hightech-Labor ISS sowohl für die Forschung als auch zur Entwicklung neuer Produkte, Verfahren und Technologien nutzen. Wie das funktioniert und was das kostet wurde auf dem Berliner ISS-Forum erstmals weltweit und konzentriert vorgestellt.

"Mit der Internationalen Raumstation wird ein Marktplatz eröffnet, der ein breites Spektrum neuer Geschäftschancen bietet", das war die zentrale Botschaft der ISS-Betreiber NASA (USA), Rosawiakosmos (Russland), ESA (Europa), NASDA (Japan) und CSA (Kanada). Walter Kröll, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, unterstrich: "Wir wollen die industriell-kommerzielle Nutzung neben der öffentlich finanzierten Forschung fest etablieren".
Von den 800 Teilnehmern aus 25 Ländern, so der ESA-Direktor für die bemannte Raumfahrt, Jörg Feustel-Büechl, seien 100 aus der Nicht-Raumfahrtindustrie gekommen. Darüber hinaus hätten 5000 Interessenten die Konferenz im Internet verfolgt. Damit habe die erste europäische Konferenz zur industriellen und wirtschaftlichen Nutzung der ISS ihr Hauptziel erreicht.

Preislisten für die ISS-Nutzung

Das US-Labor Destiny wird eingeräumt

Experten aus den ISS-Teilnehmerstaaten zeigten in Multimedia-Shows, Vorträgen, Podiumsgesprächen sowie in einer Ausstellung die Nutzungsmöglichkeiten auf. Das Spektrum ist breit. Neben der Industrieforschung gehören hierzu Sponsoring, Product Placement, E-Commerce, Multimedia-Dienstleistungen, Tourismus und Werbung. Fast alles ist möglich, sofern es mit dem Image der ISS vereinbar ist. Es gibt nur wenige Tabu-Themen, beispielsweise Werbung für Alkohol oder Parteien.

Mit Ausnahme Russlands haben die Raumfahrtagenturen erstmals Preislisten veröffentlicht. Lediglich im Bereich "Medien und kommerzielle Kommunikation" sind die Preise noch offen. In der Promotionphase übernehmen die Agenturen die Kosten für den Transport der Nutzlast. Hier können besonders klein- und mittelständische Firmen profitieren, denn die Kosten liegen zwischen 22 000 bis 26 500 Dollar/kg.

Die irdischen Firmen zahlen nur für die Nutzung der ISS. So bietet beispielsweise die ESA ein Forschungspaket für 0,83 Mio Euro an. Dafür erhält die interessierte Firma einen Laborplatz für 3 Monate, 3 Crew-Stunden und 100 kWh Strom. Die Astronauten führen die Forschungsarbeiten für die Firma aus.

Columbus: Zentrum der ESA-Mikrogravitationsforschung

Columbus
Das Columbus-Labor der ESA

"Die Motivation zur Nutzung der Raumstation muss aus der zugrunde liegenden wissenschaftlichen Fragestellung und nicht aus der bloßen Faszination für die Raumfahrt kommen", darauf wies Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn in ihrer Ansprache hin. Ungeachtet der Kommerzialisierungsoffensive gilt es nämlich Spitzenforschung auf der ISS zu etablieren. Die Geschichte früherer Raumstationen zeigt, dass hier enormer Handlungsbedarf besteht. Daher muss die ISS, so Bulmahn, "ihre spezifische Leistungsfähigkeit im Wettbewerb mit terrestrischen Experimentiermöglichkeiten unter Beweis stellen".

Seitens der ESA wurde das Columbus-Labor als zentraler Beitrag Europas vorgestellt. Astronauten können hier ab 2005 vielfältige Forschungsarbeiten unter Mikrogravitationsbedingungen durchführen. Geräte für biologische und medizinische Forschung, die Fluidphysik, Materialforschung und die Herstellung von Proteinkristallen werden sich dazu an Bord befinden. Weitere Einrichtungen der ESA für die Mikrogravitationsforschung sind im US-Labor und später auf externen Plattformen untergebracht.

Marc Heppener, Leiter der ESA-Abteilung für die ISS-Nutzung und Förderung der Mikrogravitationsforschung, zeigte an ausgewählten Beispielen die Möglichkeiten der anwendungsorientierten Forschung auf. Die ESA hatte diesbezüglich 1995 die europäische Industrie um Vorschläge gebeten. Mitte 2000 wurden von unabhängigen Fachleuten 44 Vorhaben ausgewählt, die in den nächsten Jahren in der Raumstation realisiert werden sollen. Dazu gehören physikalische Untersuchungen an Flüssigkeiten verschiedener Zusammensetzung, deren Ergebnisse einmal die Erdölförderung verbessern sollen.

Verbrennungsvorgänge im Orbital-Labor

Ein wichtiges Thema wird die Untersuchung von Verbrennungsvorgängen unter Abwesenheit der Schwerkraft sein, um so die genauen Einflüsse verschiedener physikalischer Parameter studieren zu können. Davon erhoffen sich die Forscher verbesserte Motoren und Heizungssysteme mit höherer Energieeffizienz. Ein Beispiel aus der Materialforschung ist die Herstellung von Schäumen, z.B. aus Kunststoffen oder aus Aluminium. Die Qualität der geschäumten Bauteile hängt stark von der gleichmäßigen Verteilung und der Größe der Gasblasen im erstarrten Schaum ab. Den Produktionsprozess so zu steuern, daß dieses Ziel erreicht wird, erfordert exakte Kenntnisse der Einflußgrößen. Testreihen im Weltraum sollen helfen, künftig "ideale" Schäume herzustellen.
Die weiteren Beispiele waren der anwendungsbezogenen medizinischen Forschung gewidmet. Ein Feld, in dem die Anwesenheit von Astronauten zwingend notwendig ist.

30% kommerzielle Nutzung

Nicht nur kapitalstarke Großunternehmen beschäftigen sich mit der Forschung im Weltraum. Zu den über 100 interessierten Unternehmen, die Vorschläge für die Forschung auf der ISS einbrachten, gehören nicht wenige Start-Ups sowie klein- und mittelständische Unternehmen.

Das langfristige Ziel der Europäer ist, 30 % der ISS-Kosten durch kommerzielle Nutzer einzuspielen. Das wären - nach Angaben des ESA-Direktors für die bemannte Raumfahrt, Jörg Feustel-Büechl - jährlich etwa 50 Mio Euro. Feustel-Büechl widersprach der Interpretation, "die kommerziellen Bestrebungen wurzelten allein in den aktuellen Geldnöten staatlicher Forschung". Seit 1995 versuche die ESA, Unternehmen direkt einzubinden. Das Potenzial, das Europa als jährliche Wertschöpfung direkt aus der Raumfahrt in der Zukunft erwachsen könnte, schätzen Experten der ESA und des DLR auf 750 Mio DM.

Erster Vertrag auf dem ISS-Forum

Zum Abschluß der Berliner Konferenz konnte Jörg Feustel-Büechl den ersten Vertragsabschluss feiern. Das deutsche Unternehmen INTOSPACE hat mit der ESA einen Rahmenvertrag über die kommerzielle Nutzung abgeschlossen. Für Jörg Feustel-Büechl, der bislang immer nur Geld ausgegeben hatte, war das ein besonderer Moment. In Anlehnung an die erste Mondlandung verkündete er schmunzelnd, die "Vertragsunterzeichnung sei vielleicht ein kleiner Schritt gewesen. In Richtung Kommerzialisierung stelle sie aber einen gewaltigen Sprung dar."

Übrigens können Interessenten die Veranstaltung unter dem Link "Infos zum ISS-Forum" nachträglich in einem Streaming Video verfolgen.

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