Satelliten unterstützen Rettungsmedizin in Krisengebieten

Eine Rettungskraft setzt DELTASS-Technologie ein
21 November 2002

November 2002: In Süddeutschland ereignet sich eine gewaltige Katastrophe, die zahlreiche Opfer fordert. Die Stadt Ulm ist völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Such- und Rettungstrupps dringen ins Krisengebiet vor, um Verletzte zu bergen…
Glücklicherweise entpuppt sich die Katastrophe von Ulm als ein groß angelegtes Planspiel zur Erprobung des satellitengestützten Kommunikationssystems DELTASS. Das System wurde im Auftrag der Europäischen Weltraumagentur ESA für den Einsatz in Krisengebieten entwickelt und soll die medizinische Erstversorgung der Opfer sicherstellen.

DELTASS steht für Disaster Emergency Logistics Telemedicine Advanced Satellites System. Das von einem Team unter Leitung der französischen Raumfahrtbehörde CNES konzipierte satellitengestützte System soll die telemedizinische Kommunikation und Logistik in Krisengebieten gewährleisten. Einsatzgebiete könnten beispielsweise Erdbeben oder Flutkatastrophen sein. Dabei soll DELTASS die im Krisengebiet verstreut operierenden Such- und Rettungsmannschaften über Satelliten im erdnahen und geostationären Orbit koordinieren. DELTASS sichert auch die optimale medizinische Erstversorgung der Katastrophenopfer: Durch Ferndiagnose können Verletzte vor Ort sofort wirksam behandelt werden. Zudem erlaubt das Telemedizin-System bei der Behandlung auch Spezialisten hinzuzuziehen, die Hunderte von Kilometern entfernt sind.

Wenn alle Leitungen tot sind

Ein Retter hat einen "Verletzten" aufgespürt
Ein Retter hat einen "Verletzten" aufgespürt

In Krisengebieten ist die Telekommunikation oft völlig gestört. „Die unsichtbaren Zerstörungen, die eine Katastrophe anrichtet, sind nicht weniger dramatisch als die sichtbaren Schäden“, erläutert Francesco Feliciani, der für das DELTASS-Projekt zuständige ESA-Manager. „Ein Erdbeben oder eine Flut zerstören nicht nur die terrestrische Kommunikations-Infrastruktur. Auch die Funktelefonnetze sind binnen kürzester Zeit überlastet und brechen dann zusammen. Das hat sich im letzten Jahr bei der Explosion der Chemiefabrik in Toulouse gezeigt.“ Damit ein wirksamer Rettungseinsatz und eine abgestimmte Versorgung der Verletzten möglich sind, müssen im Krisengebiet rasch neue Kommunikationsverbindungen etabliert werden. Mit DELTASS hat die ESA ein solches Kommunikationssystem geschaffen, das die Arbeit der Rettungskräfte enorm erleichtert und optimiert.

Soforthilfe via Satellit

Ein "Opfer" wird ins Lazarett abtransportiert
Ein "Opfer" wird ins Lazarett abtransportiert

Die Such- und Rettungstrupps, die im Katastrophengebiet Verletzte aufspüren sollen, haben Handheld-Computer und Satellitentelefone dabei. Sie können so den Zustand der Verletzten genau erfassen und sofort eine elektronische Krankenakte anlegen. Diese begleitet dann den Verletzten über die gesamte Behandlung hinweg.
Die Erste-Hilfe- und Ambulanz-Teams sind mit tragbaren Telemedizin-Workstations ausgerüstet, über die sie mit den Ärzten eines nahegelegenen Feldlazaretts in Verbindung stehen. Die Sanitäter vor Ort können so via Satellit beispielweise das EKG und die physischen Grunddaten (Puls, Blutdruck usw.) eines Patienten zusammen mit Aufnahmen der Verletzungen übertragen.

Blick ins Innere des Feldlazaretts
Blick ins Innere des Feldlazaretts

Dreh- und Angelpunkt des DELTASS-Systems ist das Feldlazarett, das im Krisengebiet eingerichtet wird. Von hier aus werden die Einsätze der mobilen Kräfte gelenkt. Hierher werden die Verletzten gebracht und medizinisch versorgt. Hier wird auch darüber entschieden, ob ein Patient verlegt oder ausgeflogen werden muss.
Über breitbandige Satellitenverbindungen kann sich das Lazarettpersonal in Videokonferenzen mit Spezialisten weit entfernter Kliniken beraten. Auch Fernuntersuchungen beispielsweise mit Ultraschall sind so möglich.
„Vor allem aber können wir durch DELTASS jeden Patienten kontinuierlich beobachten und betreuen: vom Erstkontakt mit den Such- und Rettungskräften über die verschiedenen Stationen der Diagnose bis zur Behandlung an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeitpunkten“, erläutert Francesco Feliciani.

Feuertaufe in Ulm

DELTASS-System in Betrieb
DELTASS-System in Betrieb

Nach anderthalbjähriger Entwicklungszeit – das Projekt wurde im Juli 2001 gestartet – sollte DELTASS nun in einer Katastrophenübung seine Praxistauglichkeit unter Beweis stellen. Dazu wurde in Ulm ein mobiles Feldlazarett eingerichtet. Drei Such- und Rettungstrupps sowie eine fahrbare Ambulanz mit tragbarer Telemedizin-Workstation wurden eingesetzt. „DELTASS ist eine integrierte Lösung, bei der verschiedene Hardware- und Software-Komponenten zusammenwirken“, erläutert Francesco Feliciani. „Die eigentliche Herausforderung bestand darin, diese Elemente so zu kombinieren, dass sie optimal ineinander greifen und eine telemedizinische Notversorgung erlauben.“
Die Übung am 7. November 2002 erwies sich als großer Erfolg. Die Ambulanz versorgte im Kontakt mit dem Feldlazarett mehrere „Verletzte“, dargestellt von Schauspielern. Das Lazarett war über eine Liveschaltung via Satellit mit dem Charité-Krankenhaus in Berlin verbunden, das durch Ferndiagnosen und Expertenhilfe die medizinische Betreuung der Opfer vor Ort unterstützte.
„Nach dieser Demonstration verhandeln wir nun mit dem DELTASS-Team über den Start eines kofinanzierten Projekts, um das System für den Einsatz in echten Krisenfällen fit zu machen“, so Feliciani. „Wir werden in den kommenden Monaten sicherlich noch einiges von diesem System hören.“

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