40 Jahre ESRO 2B: Europas erster Satellit im All

ESRO 2B
16 Mai 2008

Vor 40 Jahren begann die einmalige Erfolgsgeschichte europäischer Raumfahrt: Am 17. Mai 1968 brachte eine amerikanische Scout-Trägerrakete den Strahlenforschungssatelliten ESRO 2B von Kalifornien aus erfolgreich in den Weltraum. Heute gehört Europa zu den führenden Raumfahrtmächten der Welt.

Anfang der 1960er-Jahre schien eine europäische Erfolgsstory in der Raumfahrt zunächst undenkbar. Die Welt war durch die beiden Großmächte in Einflussgebiete aufgeteilt, in denen diese ihre Führungsrolle sowohl auf der Erde als auch im Weltraum umzusetzen verstanden. Dennoch ist es Europa in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, bei der Erforschung und Nutzung des Weltraums nicht nur zu den beiden Großen aufzuholen, sondern mit ihnen gleichzuziehen und heute ein anerkannter gleichberechtigter Partner zu sein. Eine Schlüsselrolle spielt bei diesem Prozess die 1975 gegründete Europäische Weltraumorganisation ESA.

Organisation ESRO: Anfang mit Hindernissen

Das ESOC in Darmstadt

Zunächst standen jedoch nationale Interessen verschiedener europäischer Staaten im Vordergrund. Insbesondere Frankreich und Großbritannien initiierten ambitionierte Raumfahrtprogramme. Sehr langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass ein Aufschließen zu den beiden Supermächten nur durch gemeinsame Anstrengungen möglich ist.

1964 gründeten schließlich mehrere westeuropäische Länder zwei zwischenstaatliche europäische Organisationen für die Entwicklung und den Bau wissenschaftlicher Satelliten (ESRO) sowie die Entwicklung eigener Trägerraketen (ELDO), beide Vorläuferorganisationen der ESA. Während die ESRO mit dem Start und Betrieb von sieben wissenschaftlichen Satelliten erste beachtliche Erfolge in der gemeinsamen Arbeit verbuchen konnte, war der ELDO weniger Glück beschieden. Die seit 1964 entwickelte EUROPA-Trägerrakete konnte zu keinem einzigen erfolgreichen Start geführt werden. 1973 wurde das Programm schließlich eingestellt.

1972 wurden die Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb der ESRO erweitert. Das Wissenschaftsprogramm blieb ein Pflichtprogramm, an dem sich jeder Mitgliedsstaat (Belgien, Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Schweden, Schweiz, Spanien) mit einem nach seinem Bruttosozialprodukt bemessenen Beitrag beteiligen musste. Neu aufgenommen wurde ein Programm für Anwendungssatelliten, an dem sich die Mitgliedsstaaten freiwillig beteiligen konnten. Eine weitsichtige Entscheidung, die unter Anderem zu den Meteosat-Wettersatelliten und deren Nachfolgern führte.

ESRO 2B: Der Strahlenforscher

Ein Kontrollraum in den Sechzigern

Der Forschungssatellit ESRO 2 sollte in einer polaren Umlaufbahn die solare und kosmische Strahlung erfassen. Er trug deshalb auch noch einen zweiten Namen: IRIS (International Radiation Investigation Satellite). Zur Erfüllung des wissenschaftlichen Programms befanden sich sieben Instrumente an Bord, die von verschiedenen Staaten beigestellt wurden. Die Entwicklung und Fertigung des 89 Kilogramm schweren Raumflugkörpers übernahmen westeuropäische Unternehmen (Hawker Siddely Dynamics und Matra).

Da die Europäer zu diesem Zeitpunkt noch keine eigenen Trägerraketen hatten, mussten sie die Dienste der USA in Anspruch nehmen. Der erste Versuch, nämlich ESRO 2A (IRIS 1) in den Weltraum zu schießen, misslang am 29. Mai 1967 aufgrund eines Oberstufenfehlers. Und so wurde ESRO 2B (IRIS 2) nach seinem erfolgreichen Start am 17. Mai 1968 von der Vandenberg Air Force Base in Kalifornien der erste europäische Satellit in einer Erdumlaufbahn. IRIS 2 verglühte am 8. Mai 1971 nach 16 282 Orbits und lieferte bis dahin wertvolle Daten.

Das ESOC: Mit ESRO 2B Feuertaufe bestanden

Ein Urgestein des ESOC: Siegmar Pallaschke

Um ein eigenständiges Weltraumprogramm auf die Beine zu stellen, benötigt man auch Einrichtungen zur Überwachung und Steuerung von Raumflugkörpern. Bereits 1963 hatte die ESRO in Darmstadt ein Datenzentrum zur Speicherung, Verarbeitung und Analyse der von Höhenforschungsraketen und Satelliten eingehenden Daten errichtet. So entstand das European Space Data Centre (ESDAC). Damit war auch die räumliche Basis für das spätere ESOC gelegt, das 1967 gegründet wurde. ESRO 2B wurde dann 1968 der erste Satellit, der den Befehlen aus Darmstadt gehorchen musste.

Obwohl auf dem neuesten Stand der damaligen Technik, wirken die Computer und Terminals der ersten Stunde, die noch mit Lochkarten gefüttert werden mussten, heute recht antiquiert. „Die jungen ESOC-Mitarbeiter können sich gar nicht vorstellen, dass wir damals mit diesen Geräten auch schon Bahnbestimmungen durchführen konnten“, berichtet schmunzelnd Siegmar Pallaschke. Der ehemalige Analytiker beim Flugdynamik-Team war seit der ersten Stunde dabei. Er kann sich noch gut an die ersten Missionen mit europäischen Satelliten erinnern, die an der unsichtbaren „langen Leine“ von Darmstadt hingen: „Nur zwei bis drei Mitarbeiter schrieben die Bahnbestimmungssoftware und hatten für deren einwandfreie Funktion die volle Verantwortung. Umfangreiche Simulationen und Prüfprozeduren kannten wir noch nicht. Und das bereitete uns manch schlaflose Nacht.“
In seine Worten schwingt auch heute noch die Begeisterung mit, die damals wie heute die Wissenschaftler und Ingenieure erfasst hat, die an derartig faszinierenden Missionen mitwirken durften und dürfen. Und sie zeigen, dass der Faktor „Mensch“ – bei aller Automatisierung – entscheidend für den Erfolg einer Mission ist.

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