Aufgedeckt: ein Eisschild in Bewegung

Antarctic ice sheet velocity
Geschwindigkeit des Antarktischen Eisschilds
22 August 2011

Im Rahmen des Internationalen Polarjahrs hatten Weltraumorganisationen ein besonderes Augenmerk auf die eisigen Regionen der Erde gerichtet und haben nun als Ergebnis dieser Bemühungen ein weitverzweigtes Gletschernetz entdeckt, das Eismassen tausende Kilometer weit über die Antarktis schiebt. Diese neuen Erkenntnisse tragen entscheidend zum Verständnis des Meeresspiegelanstiegs bei.

Das Internationale Polarjahr (IPY - International Polar Year) war ein ehrgeiziges, in den Jahren 2007 und 2008 durchgeführtes Wissenschaftsprogramm.

Mit mehr als 60 teilnehmenden Ländern, lieferte die breit angelegte Kampagne eine beispiellose Fülle an Informationen über die Polarregionen, von denen nun viele genutzt werden, um die Beziehung zwischen diesen sensiblen Gebieten und dem Klima zu untersuchen.

Um das Erfassen der Daten zu optimieren, koordinierten Weltraumorganisationen weltweit den Einsatz ihrer unterschiedlichen Satelliten und übernahmen damit eine wichtige Rolle im Rahmen des IPY.

Karte der Eisbewegung in der Antarktis

Nachdem sie die von Satelliten wie dem Envisat der ESA, dem Radarsat der kanadischen Weltraumbehörde CSA (Canadian Space Agency) und dem ALOS der japanischen Raumfahrtagentur JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency) über der Antarktis gesammelten Radardatenpunkte sorgfältig zusammengefügt hatten, erstellte ein Team von Wissenschaftlern die erste Karte, welche die Eisbewegung über den gesamten Kontinent der Antarktis darstellt – und machte dabei erstaunliche Entdeckungen.

Eisschild in Bewegung

Vor dem IPY waren über den größten Teil der östlichen Antarktis, die 77 % des Kontinents ausmacht, nur wenige zuverlässige Daten gesammelt worden. Zuvor wiederholt durchgeführte Kartierungen von Teilen einiger Regionen führten aufgrund eingeschränkter Betrachtungsgeometrie einiger Instrumente zu einer Lücke in der Darstellung der Zentral-Antarktis.

Durch den koordinierten Einsatz von CSA, JAXA und ESA und die gezielte Ausrichtung ihrer Satelliten auf diese Lücken, erhielten Polarwissenschaftler nun erstmals die Möglichkeit, die Bewegungen des Eisschilds über den gesamten Kontinent hinweg zu kartografieren.

Die Karte, die von Wissenschaftlern der Universität von Kalifornien in Irvine und NASAs Jet Propulsion Laboratory erstellt wurde, zeigt nicht nur die Bewegung der großen Gletscher, sondern auch ihre Zuflüsse – im Grunde Ströme aus Eis – die tausende Kilometer weit ins Inland reichen.

Aus der Luft erscheint die Antarktis wie ein strukturloses, statisches und eisiges Relikt aus der Vergangenheit. Diese neuen, auf der Basis von Satellitendaten erstellten und vom Pol bis zur Küste reichenden Karten zeigen jedoch die Ausdehnung der kurvenreichen, flussähnlichen Eisströme und die Geschwindigkeit, mit der sie sich von der Zentral-Antarktis in Richtung Meer bewegen

Verständnis der Eisschild-Dynamik neu definiert

Pine Island and Thwaites glaciers
Envisats Blick auf die Pine Island und Thwaites Gletscher

Das Magazin Science hat diese Woche das Ergebnis einer wissenschaftlichen Arbeit veröffentlicht, die unser Verständnis der Eisschild-Dynamik praktisch neu definiert.

Hauptautor Eric Rignot sagt: „Es ist so, als würde man zum ersten Mal eine Karte betrachten, die alle Meeresströmungen zeigt.

„Es wird die Glaziologie verändern. Wir sehen erstaunliche Ströme aus der Mitte des Kontinents, die noch niemals zuvor beschrieben wurden.“

Wie beim Betrachten eines fertigen Puzzles, seien sie erstaunt gewesen, als sie einen Schritt zurücktraten, um das vollständige Bild auf sich wirken zu lassen, so Prof. Rignot.

So entdeckten sie zum Beispiel einen neuen Gebirgskamm, der die 14 Millionen Quadratkilometer große Landmasse von Ost nach West teilt. Sie entdeckten zudem Formationen, die sich jedes Jahr 250 Meter über die enormen, zum Südpolarmeer hin abfallenden Ebenen bewegen – ganz im Gegensatz zu vorherigen Eis-Modellen.

Highlight internationaler Zusammenarbeit der Raumfahrtnationen

Mark Drinkwater von der ESA sagt: „Die Herausforderung, den Einfluss des Rückgangs der Eisschildmassen auf den Meeresspiegel zu verstehen und zu quantifizieren, ist eine globale wissenschaftliche Aufgabe, zu deren Bewältigung die Ressourcen von mehr als einem Land oder einer Weltraumorganisation notwendig sind.

„Dieses Ergebnis ist eines der wissenschaftlichen Highlights der intensiven internationalen Zusammenarbeit der Raumfahrtnationen im Rahmen des IPY.

„Ausgestattet mit diesen Informationen, sind Wissenschaftler nun in der Lage den Eisschildfluss besser zu modellieren und die Unsicherheit in der Vorhersage des Einflusses der Klimaerwärmung auf den weltweiten Meeresspiegel zu reduzieren.“

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