Biografie von Thomas Reiter

Thomas Reiter war von 1992 bis 2007 ESA-Astronaut und der achte Deutsche im All. In der russischen Raumstation Mir absolvierte er 1995/96 den ersten ESA-Langzeitflug überhaupt. Dabei unternahm er als erster Deutscher einen Weltraumausstieg. Auch auf der ISS war er 2006 der erste europäische Langzeitflieger. Heute leitet er das ESA-Direktorat für Bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb in Darmstadt.

1989 begann die ESA mit der Suche nach geeigneten Kandidaten für ihre zweite Astronautengruppe. Unter den mehr als 22.000 Bewerbern aus ganz Europa befand sich auch der damalige Jagdbomberpilot der Bundeswehr Thomas Reiter.

Karriere als ESA-Astronaut

Thomas Reiter an Bord der ISS

Mit vier weiteren Männern und einer Frau wurde Reiter am 15. Mai 1992 für das ESA-Astronautenteam ausgewählt und absolvierte von Januar bis Juli 1993 seine Grundausbildung im Europäischen Astronautenzentrum in Köln.

 Am 7. Mai 1993 nominierte die ESA ihn für die Euromir-95-Mission. Gemeinsam mit dem Schweden Christer Fuglesang nahm Reiter am 9. August 1993 im Kosmonautenausbildungszentrum bei Moskau, dem „Sternenstädtchen“, das Basistraining auf. Am 17. März 1995 wurde er als Mitglied der Stammbesatzung nominiert und bereitete sich bis zum Missionsbeginn weiterhin auf seine Aufgaben als Bordingenieur der 20. Mir-Besatzung vor.

 Mit dem Raumschiff Sojus TM-22 brach Reiter am 3. September 1995 zum ersten ESA-Langzeitflug auf der Raumstation Mir auf. Während der Mission Euromir 95 führte er 41 wissenschaftliche Experimente durch. Zudem absolvierte Reiter die ersten beiden Außenbordeinsätze eines deutschen Raumfahrers. Nach 179 Tagen im All kehrte er am 29. Februar 1996 wieder auf die Erde zurück.

 Ab Oktober 1996 unterzog sich Reiter im Sternenstädtchen einer weiteren Schulung. Als erster Nichtrusse wurde er zum Sojus-Kommandanten für die Steuerung eines Sojus-Raumschiffes während der Rückkehrphase zur Erde ausgebildet. Das Zertifikat dafür erhielt er am 24. Juli 1997.

 Danach kehrte er zur Bundeswehr zurück und versah zwischen September 1997 und März 1999 seinen Dienst als Kommandeur des Tornado-Jagdbombergeschwaders 38 auf dem Fliegerhorst Jever.

 Ab 1. April 1999 war Reiter wieder für die ESA tätig. Er unterstützte das Projektteam für den ATV-Raumfrachter, war in die Entwicklung des europäischen ISS-Roboterarms ERA involviert und machte sich zwischen Juni 1999 und März 2000 bei einem Trainingsaufenthalt im Moskauer Sternenstädtchen mit den russischen ISS-Segmenten vertraut.

 Seit April 2001 bereitete sich Thomas Reiter auf den ersten ISS-Langzeitflug eines ESA-Astronauten vor. Bis zu seiner offiziellen Berufung für die „Astrolab“ genannte Mission am 28. April 2005 arbeitete er außerdem von September 2001 bis September 2004 im Projektteam für das europäische Forschungsmodul Columbus mit.

 Am 4. Juli 2006 startete Reiter im Rahmen des Space-Shuttle-Fluges STS-121 mit der Raumfähre Discovery zur ISS. Dort verstärkte er als Flugingenieur die ISS-Expeditionen 13 und 14 und erfüllte das 36 Experimente umfassende ESA-Forschungsprogramm „Astrolab“. Zudem absolvierte Reiter erneut einen Weltraumausstieg. Am 22. Dezember 2006 kehrte er mit der STS-116-Crew der Raumfähre Discovery nach 171-tägigem Aufenthalt im All wieder zur Erde zurück.

 Er ist nach seinen beiden Halbjahresflügen der mit 350 All-Tagen weitaus erfahrenste und bisher einzige europäische Astronaut mit zwei Langzeitmissionen.

 Mit Wirkung 1. Oktober 2007 quittierte Thomas Reiter den Astronauten-Dienst und wechselte in den Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Hier war er dreieinhalb Jahre lang für das Ressort Raumfahrtforschung und –entwicklung zuständig.

 Am 17. März 2011 ernannte ihn die ESA zum Leiter ihres Direktorats für Bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb mit Sitz in Darmstadt. In dieser Funktion trägt er seit seinem Amtsantritt am 1. April 2011 die Verantwortung für Europas ISS-Beitrag und alle ESA-Aktivitäten im bemannten Raumfahrtbereich. Darüber hinaus ist er für den Betrieb bemannter und unbemannter Raumfahrzeuge sowie des gesamten Bodensegments zuständig.

Persönlicher Werdegang

Thomas Arthur Reiter wurde am 23. Mai 1958 in Frankfurt am Main geboren. Im Juni 1977 legte er am Goethe-Gymnasium in Neu-Isenburg sein Abitur ab, leistete ab Oktober 1977 seinen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr und verpflichtete sich anschließend als Berufssoldat.

 Von Oktober 1978 bis Juni 1979 besuchte Reiter die Offiziershochschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck. Dem schloss sich ab Oktober 1979 an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik an, das er im Dezember 1982 als Diplom-Ingenieur beendete.

 Zwischen Mai 1983 und Mai 1984 wurde Reiter auf der Sheppard Air Force Base im US-Bundesstaat Texas zum Kampfpiloten ausgebildet. Danach war er bis September 1990 beim Jagdbombergeschwader 43 auf dem Fliegerhorst Oldenburg stationiert. Hier flog er den Alpha Jet und wirkte als Flugeinsatzoffizier sowie späterer stellvertretender Staffelkapitän an der Entwicklung eines rechnergestützten Flugplanungssystems mit.

 Anschließend durchlief Reiter bei der Flugerprobungsstelle 61 der Bundeswehrin Manching eine Ausbildung zum Testpiloten 2. Klasse und absolvierte danach beim Jagdbombergeschwader 38 auf dem Fliegerhorst Jever seine Umschulung auf das Einsatzmuster Tornado. Zurück in Manching kam er dort zwischen April und Dezember 1991 in verschiedenen Flugerprobungsprojekten zum Einsatz.

 Im Folgejahr komplettierte Reiter seine fliegerische Ausbildung als Testpilot 1. Klassean der britischen Empire Test Pilot School auf der Royal Air Force Station in Boscombe Down, die er im Dezember 1992 abschloss.

 Thomas Reiter ist verheiratet und hat zwei Söhne.

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