Bitterer Anfang: Europa I bis III

Die Europa I auf der Rampe

Seit dem 04. Oktober 1957 war ein harter Wettbewerb bei der Eroberung des Weltraums zwischen den USA und der damaligen UdSSR ausgebrochen. Um im Wettstreit der politischen Systeme nicht abgehängt zu werden, benötigte die „Alte Welt“ eigenständige Kapazitäten. Dazu gehörten sowohl Forschungs- und technologische Satelliten, als auch die Möglichkeit, diese Geräte in den Weltraum zu befördern. Deshalb regte die britische Regierung 1960 den Bau einer dreistufigen europäischen Trägerrakete an, deren Basis ihre militärische Mittelstreckenrakete Blue Streak bilden sollte. Frankreich erklärte sich bereit, die zweite Stufe in Angriff zu nehmen und Deutschland stimmte der Entwicklung der dritten Stufe zu. Auch Italien, Belgien und die Niederlande signalisierten Interesse und übernahmen die Verantwortung für den Bau des Testsatelliten, die Bahnverfolgung und andere Aktivitäten.

Gründung der ELDO

Gemeinsam mit Australien gründeten diese sechs Staaten am 29. März 1962 zur Realisierung des komplexen Vorhabens eine Europäische Organisation zur Entwicklung von Trägerraketen, die ELDO (European Launcher Development Organization). Australien wurde als außereuropäisches Mitglied einbezogen, um die dort bereits vorhandenen Startanlagen der Briten auf dem Gelände bei Woomera nutzen zu können. Die ELDO war neben der westeuropäischen ESRO-Organisation (European Space Research Organization) für die gemeinsame Entwicklung und Erprobung von Forschungssatelliten eine der ersten internationalen Vereinigungen für Kooperationen zur Eroberung des Weltraums.

Die Europa I wurde deshalb anfänglich als „ELDO-A“ und die Europa II als „ELDO-B“ bezeichnet.

Um die aus heutiger Sicht schnellen Entscheidungen - das Raumfahrtzeitalter war gerade einmal knapp fünf Jahre alt - zugunsten derart komplexe Projekte verstehen zu können, muss man einen Blick zurück in die Geschichte werfen: Es war die Hochzeit des Kalten Krieges zwischen Ost und West und der Weltraum drohte nicht nur ein symbolisches Schlachtfeld zu werden. Die beiden Hauptgegner in diesem Machtspiel waren die USA und die UdSSR, während für Westeuropa die Gefahr bestand, zum Spielball der beiden Großmächte zu werden. Um dem vorzubeugen, halfen nur außerordentliche gemeinsame Anstrengungen in der Politik, der Rüstung und nicht zuletzt in Forschung und Technologie.

Die ersten Versuche

Die Europa II

Die Entwicklungskosten für die Europa I trugen zu 39 Prozent Großbritannien, 24 Prozent Frankreich, 22 Prozent Deutschland, zehn Prozent Italien sowie fünf Prozent Belgien und Holland. Ziel war es, bis 1965 mit der 31,8 Meter langen und 105 Tonnen schweren Rakete eine 1200 Kilogramm schwere Nutzlast in einen 300 Kilometer hohen Erdorbit zu befördern.

Allerdings wurde es nicht für notwendig erachtet, das Vorhaben über eine koordinierende Gesamtleitung für die vielen einzelnen Auftragnehmer zu steuern. Die daraus resultierende mangelnde Abstimmung untereinander sollte sich bitter rächen. Nach sieben mehr oder minder erfolgreichen Testflügen zur Stufenerprobung erfolgte am 30. November 1968 der erste Start des Gesamtsystems. Der Versuch misslang, die dritte Stufe explodierte. Die beiden Folgestarts am 3. Juli 1969 und 12. Juni 1970 schlugen ebenfalls fehl.

Teuer erkaufte Erfahrungen

Die Hoffnungen ruhten jetzt auf der seit 1966 entwickelten Europa II. Vorgesehen war, mit der um eine vierte Stufe erweiterten 112-Tonnen-Rakete 170 Kilogramm Nutzlast in einem geostationären Orbit 36 000 Kilometer über dem Äquator zu positionieren, allerdings nicht mehr von Woomera aus, sondern vom Startgelände Kourou in Französisch-Guayana. Dort waren die Bedingungen für den Einschuss eines Satelliten in solch eine Umlaufbahn aufgrund der Äquatornähe des Startorts wesentlich günstiger. Die Trägerrakete benötigt damit wesentlich weniger Treibstoff, als bei einem Start von Woomera. Denn sie muss nicht die antriebsintensive Änderung der Bahnneigung von 31 Grad (Woomera) auf 0 Grad (Äquator) bewältigen.

Doch der Erstflug am 5. November 1971 gelang ebenfalls nicht, was letztlich das Ende des Programms bedeutete. Am 1. Mai 1973 wurde es offiziell eingestellt und angelaufene Studien zu einer verbesserten Europa III nicht weiter verfolgt. Zum Schluss hatte das Europa-Projekt umgerechnet etwa 3,1 Milliarden Euro gekostet, ohne dass auch nur ein einziger Satellit gestartet worden wäre.

Unbezahlbar aber war der reiche Schatz an gesammelten Erfahrungen. Besonders die gewonnene Einsicht, dass eine Trägerrakete eben mehr als ein nur ein Konglomerat aus von einzelnen Nationen gelieferten Komponenten ist, sollte sich bei der Entwicklung der Europa-Nachfolgerin Ariane als ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg erweisen.

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