Das Mars-Mysterium von Cydonia

"Marsgesicht" in perspektischer Ansicht, aus Daten der HRSC und des Mars Global Surveyor (Nasa) errechnet
16 Oktober 2006

Seit fast drei Jahren erforscht Europas erste Planetensonde Mars Express unseren roten Nachbarn. Spektakuläre 3D-Bilder vom berühmten „Marsgesicht“ räumen nun mit einer alten Legende auf.

Wohl keiner der Planeten hat die Phantasie des Menschen so angeregt, wie der erdähnliche Mars. Unzählige Legenden, Hypothesen und Spekulationen ranken sich um das zentrale Thema der Marsforschung, der Frage nach Leben.
Als der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli 1877 ein seltsames Netz feiner Linien auf der Marsoberfläche entdeckte, brachte ein Übersetzungsfehler den Stein ins Rollen und die Marsianer zum Leben. Aus Schiaparellis „canali" (Rillen) wurden „Kanäle", also künstliche Bewässerungssysteme. Ende des 19. Jahrhunderts herrschte selbst unter Astronomen die Meinung vor, es gäbe ein von intelligenten Bewohnern geschaffenes Kanalsystem, um das Wasser von den schmelzenden Polkappen zu ihren Ansiedlungen in Äquatornähe zu leiten. Dass es sich um eine optische Täuschung handeln würde – das Auge zieht Oberflächendetails zu Liniengebilden zusammen – setzte sich erst im 20. Jahrhundert langsam durch.

Wie eine schnöde Felsformation Weltruhm erlangt

Das "Marsgesicht", aufgenommen von Viking 1 am 25.07.1976

Die ersten Bilder, die Raumsonden Mitte der 60er-Jahre von unserem Nachbarplaneten übermittelten, ernüchterten die Erdlinge. Der Mars ähnelte unserem Mond mehr als der Erde. Von Kanälen oder sonstigen urbanen Anlagen keine Spur.
Die Diskussion um Leben auf dem Mars belebte sich, als der Mars-Orbiter Viking 1 am 25. Juli 1976 eine Struktur in der Cydonia-Region aufnahm, die – von oben betrachtet – wie ein Gesicht aussieht. Die beteiligten Marsforscher gingen von Anfang an von einer optischen Täuschung aus: Schatten, hervorgerufen durch den tiefen Sonnenstand an einer Felsformation, würden den Anschein erwecken, dass die Formation Augen, Nase und Mund habe.
Die NASA hat zwar auch von einem optischen Phänomen gesprochen, aber in der später veröffentlichten Pressemitteilung stellte sie das Bild in den Mittelpunkt und beschrieb die Struktur „als einem menschlichen Kopf ähnlich“.
Was nun folgte, weist große Ähnlichkeiten mit den „canali“ von Schiaparelli auf. Die offizielle Darstellung einer staatlichen Behörde in Verbindung mit dem Bild beflügelte weltweit die Phantasien vieler Erdlinge. Das „Marsgesicht“ fand Eingang in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, TV-Beiträgen, Computerspielen und vielen Webseiten. Ein Mythos war geboren.

Bald darauf wurden auf den Bildern von Viking 1 – unweit des „Marsgesichtes“ – auch noch rätselhafte „Pyramiden“ gefunden, die zu wilden Spekulationen führten. Diese seien, wie die ägyptischen Pyramiden, astronomisch ausgerichtet. Die Schar derjenigen nahm zu, die davon überzeugt waren, dass das „Marsgesicht“ und die „Pyramiden-Stadt“ entweder zu einer versunkenen Kultur gehörten oder von Außerirdischen als Botschaft zurückgelassen worden sind.
Als die Raumsonden Mars Global Surveyor (1998, 2001) und Mars Odyssey (ab 2001) die Cydonia-Region mehrfach aufnehmen, fanden die Wissenschaftler auf den Bildern nur Felsformationen unterschiedlicher Größe und Form. Im Prinzip wäre damit die Angelegenheit erledigt gewesen. Doch der Streit eskalierte. Die – besonders in den USA beheimatete – Alien-Anhängerschaft sprach nunmehr von einer gigantischen Vertuschungs- und Verschwörungsstrategie seitens der NASA. Die „echten“ Aufnahmen halte die US-Raumfahrtbehörde unter Verschluss. Der Streit reicht bis in die Gegenwart.

Das mysteriöse Marsgesicht wird entzaubert

Das vermeintliche "Marsgesicht" in einer aus HRSC-Stereobilddaten errechneten perspektivischen Ansicht

„Warum fotografiert ihr nicht Cydonia? Wir glauben der NASA nicht!“ So oder ähnlich lauteten die E-Mails, die Gerhard Neukum von der FU Berlin hundertfach erhielt. Unter seiner Leitung wurde die hochauflösende Stereokamera HRSC entwickelt, die von Bord der ESA-Raumsonde Mars Express seit Januar 2004 gestochen scharfe Bilder vom Nachbarplaneten anfertigt. Betrieben wird die Kamera vom DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof in Zusammenarbeit mit ESA/ESOC.
Bislang verhinderten zu große Überflughöhen sowie Staub und Dunst in der Marsatmosphäre hochwertige HRSC-Aufnahmen der Cydonia-Region. Am 22. Juli 2006, beim 3253. Orbit, klappte es dann unter geradezu perfekten Bedingungen. Es gelangen Aufnahmen in einer bislang noch nicht da gewesenen Auflösung von 13,7 Metern pro Bildpunkt. Dank der 3D-Technik können unterschiedliche geologische Strukturen nicht nur erkannt und abgegrenzt, sondern auch räumlich nach allen Seiten hin verfolgt werden.
„Diese Bilder von Cydonia sind wirklich spektakulär", so ESA-Projektwissenschaftler Agustin Chicarro. Sie „ermöglichen nicht nur eine neue Sicht auf ein vermeintlich sagenumwittertes Gebiet auf dem Mars, sie geben uns auch wichtige Nahinformationen über eine planetologisch höchst interessante Region sowie über die beeindruckenden Möglichkeiten der Kamera von Mars Express".
Cydonia befindet sich in der Übergangszone zwischen den südlichen Hochländern und den nördlichen Tiefebenen des Mars. Diese Übergangszone ist charakterisiert durch weite, mit Geröll gefüllte Täler sowie einzeln stehende Berge unterschiedlicher Größe und Form. Einer davon ist das berühmte „Marsgesicht“, das sich nunmehr als stark erodierter Inselberg von 3 km Länge und 1,5 km Breite darstellt. Sein westlicher Hang ist komplett abgerutscht, die in Nord-Süd-Richtung verlaufende Abrisskante ist deutlich zu erkennen.
Der von den Alien-Fans als architektonische Glanzleistung einer fremden Zivilisation fungierende Renommierbeweis entpuppt sich damit als eine verwitterte, rein zufällig geformte, Gebirgsstruktur. Eine Laune der Natur. Verwitterungsprozesse erzeugen aber auch auf der Erde ungewöhnliche Strukturen, die von den Menschen mit phantasievollen Namen versehen werden. Für die Wissenschaftler liefern die Bilder jedoch neue Erkenntnisse über die Erosionsprozesse auf dem roten Planeten.

Auch die Pyramiden sind eine optische Täuschung

Lage der Cydonia-Region in den nördlichen Tiefebenen des Mars

Ähnlich verhält es sich bei den in direkter Nachbarschaft befindlichen vermeintlichen Pyramiden. Auf den faszinierenden dreidimensionalen Bildern verlieren sich nun auch die genauen Kanten und Symmetrien, die den Mythos um die vermeintlichen Marsmonumente ausmachten. Alle Strukturen lassen sich aus der örtlichen Geologie und Morphologie erklären. Deutlich zu sehen ist, dass intensive Hangrutschungsprozesse viel Schuttmaterial an der Basis der Formationen abgelagert haben. Der Eindruck symmetrischer und damit künstlicher Gebilde entstand nur durch das Zusammenspiel von Sonnenlicht und Schatten. Die HRSC-Aufnahmen belegen damit eindeutig, dass in der Cydonia-Region weder Pyramiden noch Siedlungen existieren.

Treibstoffvorrat der ESA-Raumsonde Mars Express reicht bis 2012

Von der HRSC-Kamera sei noch viel zu erwarten, erklärte Gerhard Neukum im September auf dem ersten Europäischen Kongress der Planetenforscher in Berlin. Ein Drittel des Mars sei bereits mit der Kamera erfasst. Sein Ziel sei, den gesamten Planeten hochauflösend und dreidimensional aufzunehmen. Die Chancen stehen gut, denn der Treibstoffvorrat an Bord der ESA-Raumsonde reicht mindestens bis zum Jahre 2012.

Copyright 2000 - 2014 © European Space Agency. All rights reserved.