Deutscher Raumfahrer bereitet sich auf Sojus-Mission vor

Gerhard Thiele
Gerhard Thiele
31 August 2003

Seit dem 19. Mai hat der deutsche ESA-Raumfahrer Dr. Gerhard Thiele einen Zweitwohnsitz im nahe Moskau gelegenen Sternenstädtchen. Dort bereitet er sich im Kosmonautenausbildungszentrum „Juri Gagarin“ als Bordingenieur auf die Mission Sojus TMA 4 im April 2004 vor. Die ESA hat Thiele als Backup für den niederländischen ESA-Raumfahrer André Kuipers nominiert. Damit ist die Anwesenheit eines weiteren europäischen Astronauten im All bei dieser Mission abgesichert.

Die ESA ist zu ihrer Praxis zurückgekehrt, bei Raumflügen mit europäischer Astronautenbeteiligung auch entsprechende Backups zu nominieren. Für die am 18. Oktober 2003 beginnende Mission Sojus TMA 3 bereiten sich der Spanier Pedro Duque sowie – als sein Double – der Niederländer André Kuipers vor. Sechs Monate darauf wird André Kuipers mit Sojus TMA 4 ins All fliegen. Seine Mission sichert der deutsche ESA-Raumfahrer Gerhard Thiele als Double ab. In einem Gespräch wies Thiele ausdrücklich darauf hin, dass der Automatismus – zunächst Backup-Crew dann Flugcrew – bei ihm nicht greift. Er kommt im April 2004 nur dann zum Einsatz, wenn André Kuipers aus gesundheitlichen Gründen nicht fliegen kann.

Von Köln zum Sternenstädtchen

Beim Training im Sternenstädtchen

Nach zwei Jahren verantwortungsvoller Managementtätigkeit im Europäischen Astronautenzentrum EAC in Köln hat Gerhard Thiele wieder die Möglichkeit, sich auf einen Flug in den Weltraum vorzubereiten. Die Rolle eines Backup-Astronauten ist ihm bestens vertraut. Vor über zehn Jahren trainierte er bereits als Reserve-Nutzlastspezialist für die deutsche Spacelab-Mission STS 55/D2. 1998 wurde er in das europäische Astronautencorps der ESA aufgenommen. Im Februar 2000 konnte er endlich die Erde aus dem All betrachten. Als Missions-Spezialist der Shuttle Radar Topography Mission SRTM/STS 99 war er für die erfolgreiche Arbeit des Radars in der Ladebucht des Shuttle verantwortlich. Nunmehr wurde Gerhard Thiele als Backup-Bordingenieur für André Kuipers nominiert. André Kuipers arbeitet gegenwärtig noch als Backup für Pedro Duque, der im Oktober 2003 zur ISS fliegen wird. Im November 2003 beginnt dann das gemeinsame Training Kuipers/Thiele für die ISS-Mission 8S mit Sojus TMA-4 im April 2004.

Größte Hürde: Russische Sprache

Gerhard Thiele beim Russischunterricht

Über seine ersten Erfahrungen in Russland berichtete Gerhard Thiele: "Mein Training begann Mitte Mai nach einer mehrmonatigen Verzögerung, bedingt durch die Columbia-Katastrophe Anfang des Jahres. Die ersten Systeme des Sojus-Raumschiffes haben wir im Detail kennengelernt. Verschiedene erfolgreich abgeschlossene Examen bestätigten den reibungslosen Verlauf der Ausbildung im Sternenstädtchen.“
Parallel zur Arbeit am Sojus-Raumschiff erfolgt die Ausbildung an den Systemen der Internationalen Raumstation ISS: "Sehr zu meiner Überraschung müssen wir einen nicht unerheblichen Teil des Trainingsprogramms zur ISS absolvieren, der eigentlich für die Stammbesatzungen mit mehrmonatigem Aufenthalt vorgesehen ist."
Eine der größten Herausforderungen für den Deutschen ist aber das Erlernen der russischen Sprache. Durchschnittlich acht Stunden pro Woche muss er sich einer intensiven Sprachausbildung unterziehen. Das reicht jedoch nicht, um der in russischer Sprache erteilten Ausbildung folgen zu können. Deswegen übersetzt noch ein Dolmetscher die Anweisungen und Lektionen der Ausbilder. Da die Trainingsstunden für die ausländischen Kosmonautenanwärter denselben Umfang haben wie für ihre russischen Kollegen, kann nur intensives Selbststudium das Sprachmanko ausgleichen.

Sojus TMA: Ein hervorragendes Raumschiff

Das Training für den Sojus-Flug verläuft gleichzeitig in zwei Richtungen. Einmal wird ein umfassender Überblick über das Gesamtsystem und das Zusammenspiel der einzelnen Teilsysteme gegeben. Gleichzeitig werden von Beginn an sehr detaillierte Kenntnisse vermittelt.
Thiele ist begeistert vom russischen Sojus-System: "Je mehr ich meine Kenntnisse über die Technik von Sojus vertiefte, um so mehr wuchs meine Bewunderung für die Konstrukteure dieses hervorragenden Raumschiffes. Sojus ist ein unglaublich intelligentes System, das genau die Systeme enthält, die für den Flug in den Weltraum nötig sind – nicht mehr und nicht weniger. Die Lösung bestimmter technischer Probleme wurde oft mit überraschenden und ungewöhnlichen Konstruktionen erreicht. Dabei liegt der Charme der russischen Konstruktion in ihrer Einfachheit".

Natürlich will ein Raumfahrer fliegen. Gerhard Thiele weiß, dass seine Chancen für einen Einsatz im April 2004 gering sind. Er weiß aber auch, dass nach dem Start des Columbus-Moduls Europa über ein eigenes Segment mit hervorragenden Arbeitsmöglichkeiten in der Internationalen Raumstation verfügt. Europäische Astronauten werden dann ständig im Orbit sein. Vielleicht ist Gerhard Thiele einer der Ersten, der zum Columbus-Modul fliegen werden. Mit einem Sojus-Raumschiff.

Die nächsten Sojus-Missionen vom Kosmodrom Baikonur:

Sojus TMA 3 (ISS-Flug 7S)
Start: 18.10.2003
Crew: Alexander Kaleri (RUS), Michael Foale (USA), Pedro Duque (ESA/E)
Backup: Waleri Tokarew (RUS), William McArthur (USA), André Kuipers (ESA/NL)

Sojus TMA 4 (ISS-Flug 8S)
Start: 20.04.2004
Crew: Waleri Tokarew (RUS), William McArthur (USA), André Kuipers (ESA/NL)
Backup: NN, NN, Gerhard Thiele (ESA/D)

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