Erster ESA-Astronaut zur Internationalen Raumstation

ESA-Astronaut Guidoni
17 April 2001

Als erster Westeuropäer wird der italienische ESA-Astronaut Umberto Guidoni (46) am 19. April mit der amerikanischen Raumfähre Endeavour zur Internationalen Raumstation ISS fliegen. Lange vor dem Start des für 2004 geplanten Europäischen Weltraumlabors Columbus beginnt damit die Europäische Weltraumorganisation ESA bereits in einer frühen Aufbauphase der ISS mit ihrer Präsenz in der Erdaußenstation.

Mit der kommenden STS-100-Mission ist zugleich ein Jubiläum verbunden: Vor 20 Jahren, am 12. April 1981, begann mit dem Erstflug der Columbia-Raumfähre das Zeitalter des Space Transportation System STS. Eines Systems, dass zum großen Teil aus wiederverwendbaren Elementen besteht und dem Aufbau, dem Besatzungsaustausch sowie der Versorgung einer Raumstation dient. Seit 1998 werden für den Bau der Internationalen Raumstation ISS die Raumfähren Atlantis, Discovery und Endeavour genutzt. Die nächste Mission, STS-100, stellt den 104. Flug einer US-Raumfähre seit 1981 und den 16. Flug der Endeavour dar. Im Rahmen der Internationalen Raumstation bildet STS-100 zugleich den 9. ISS-Aufbauflug mit der US-Nomenklatur ISS-6A.

Die STS-106-Crew

Mannschaft der Mission STS 100

Der siebenköpfigen internationalen STS-100-Crew gehören an: Kommandant Kent Rominger (Nasa/USA, 44 Jahre alt, 5. Raumflug), Pilot Jeffrey Ashby (Nasa/USA, 46, 2. Raumflug) sowie die Missionsspezialisten Chris Hadfield (CSA/Kanada, 41, 2. Raumflug), John Phillip (Nasa/USA, 50, Erstflug), Scott Parazynski (Nasa/USA, 39, 4. Raumflug), Umberto Guidoni (ESA/Italien, 46, 2. Raumflug) und Juri Lonchakow (Rosawiakosmos/Russland, 36, Erstflug). Die Crew repräsentiert damit vier der fünf ISS-Hauptpartner. Multikulti im Orbit.

Die Besuchscrew wird schon sehnsüchtig von der zweiten ISS-Stammbesatzung "Expedition 2" erwartet, dem russischen Stationskommandanten Juri Ussatschow sowie den beiden amerikanischen Bordingenieuren Jim Voss und Susan Helms.

Höhepunkte der Mission

So sah die Crew von STS 102 die ISS

Der Start zur elftägigen Endeavour-Mission ist für den 19. April, 14.41 Uhr Ortszeit bzw. 20.41 Uhr MESZ, von der Startplattform 39B des Kennedy Space Centers in Florida geplant. Das Startfenster beträgt aber nur 10 Minuten. Sollte - aus welchem Grund auch immer - der Start nicht bis 20.51 Uhr MESZ erfolgt sein, muss er verschoben werden.

Schwerpunkt der Mission ist der weitere zügige Aufbau der ISS. Endeavours Hauptnutzlast besteht daher aus dem aus Italien stammenden Logistik-Modul "Raffaello", dem kanadischen Roboterarm "Canadarm 2" sowie einer UHF-Antenne zur Space-to-Space-Kommunikation während der Weltraumausstiege. STS-100 soll mit dieser Nutzlast am 21. April, 14.36 Uhr MESZ, an die Raumstation ankoppeln. Äußerst komplizierte Weltraumausstiege für den Einbau des Roboterarms und der UHF-Antenne stehen für den 4., 6. und gegebenfalls für den 8. Flugtag an. Zusammen mit dem Roboterarm ist die Installation der ersten vier Außenbord-TV-Kameras geplant, von denen drei Kameras im Echtzeitbetrieb nutzbar sind.

Am 28. April, 17.35 Uhr MESZ, soll Endeavour - nach heutigem Status - von der ISS abkoppeln und nach einer Flugzeit von 10 Tagen 19 Stunden und 19 Minuten am 30. April, 15.00 Uhr MESZ, wieder auf der Landebahn im Kennedy Space Center aufsetzen.

Guidoni und das Europäische Astronautenkorps

Das Logo der Mission STS 100

Der am 18. August 1954 in Rom geborene Astrophysiker Umberto Guidoni gilt als erfahrener "alter Hase". 1989 wurde er von der italienischen Raumfahrtagentur ASI als Nutzlastspezialist nominiert. Bei der Mission STS-46 (1992), bei der das erste italienische Fesselsatelliten-Experiment TSS-1 auf dem Programm stand, war er Ersatzastronaut für seinen Landsmann Franco Malerba. 1996 durfte er bei der Mission STS-75 das TSS-Experiment selbst im Orbit wiederholen. Doch beim Ausrollen riss das Kabel und der 560 Mill. DM teure Fesselsatellit TSS ging samt 19 Kilometer Schnur im Weltraum verloren. Damit ist die Machbarkeit dieses revolutionären Energieprojektes noch offen, an dem Guidoni zehn Jahre gearbeitet hat. Seit 1998 gehört Guidoni dem neu geschaffenen Europäischen Astronautenkorps der ESA an. Es besteht aus 16 Astronauten, je vier aus Deutschland, Frankreich und Italien sowie vier Euro-Astronauten aus anderen ESA-Mitgliedsländern. Das in Köln ansässige Europäische Astronautenzentrum EAC, das seit dem 1. Januar 2000 von Ernst Messerschmid geleitet wird, ist für die Ausbildung und den Einsatz dieser Euro-Astronauten auf der ISS zuständig.

Bei der jetzigen STS-100-Mission wird Guidoni zunächst seinen Kollegen helfen, den kanadischen Roboterarm am US-Labor Destiny zu montieren. Anschließend soll das 150 Mill. Dollar teure Raffaello-Modul aus der Shuttle-Ladebucht herausgehievt und am Verbindungsknoten Unity befestigt werden. Es enthält weitere Ausrüstungsgegenstände und Forschungsgeräte für Destiny. Guidoni beaufsichtigt als Lademeister das Entladen der Fracht sowie das erneute Beladen von Raffaello. Am Ende der Mission wird Endeavour den mit Abfall gefüllten Raffaello-Container wieder zur Erde zurückbringen.

Designer-Umzugs-Container aus Italien

Cargo carrier for the ISS
Logistikmodul Rafaello

Raffaello gehört - neben Leonardo und Donatello - zu den drei Mehrzweck-Logistikmodulen, die von einem italienischen Industriekonsortium unter Federführung von Alenia Spazio in Turin für die NASA entwickelt wurden. Es handelt sich hierbei um riesige, wiederverwendbare "Designer-Umzugscontainer", die zum Be- und Entladen an die ISS angedockt und am Ende der jeweiligen Mission wieder im Laderaum des Shuttle verstaut werden. Jedes Modul ist 6,4 m lang und 4,5 m breit. Es kann mindestens 25 Mal im Laufe von 10 Jahren eingesetzt werden.

Beim allerersten Einsatz während der STS-102-Mission im März 2001 brachte Leonardo 4,5 t Laboreinrichtungen, Experimente, Nahrungsmittel und Kleidung zur ISS und nahm eine Tonne Abfall und Schmutzwäsche zur Erde zurück. Gegenüber den russischen Progress-Versorgungsfrachtern haben die italienischen Container einen wesentlichen Vorteil: auch grosse Stücke passen unzerkleinert durch die Tür. Bei den kleinen Progress-Luken mussten Geräte oft in ihre Einzelteile zerlegt werden.

Raffaello, Leonardo sowie Donatello sind mit einem komplexen Überwachungs- und Lebenserhaltungssystem der ESA ausgestattet. Es kontrolliert den Innendruck, regelt die Temperatur, überwacht die Luftverschmutzung, übernimmt Branderkennung sowie -bekämpfung und verteilt Frischluft gleichmäßig im gesamten Container. Dieses System wird auch im europäischen Columbus-Labor installiert.

Strahlenbelastung der Astronauten

Mit im Gepäck von Endeavour befinden sich 9 wissenschaftliche Experimente, u.a. zum Studium des Pflanzenwachstums unterschiedlicher biologischer Kulturen. Die in zwei EXPRESS-Racks untergebrachten Geräte werden im US-Labor Destiny installiert. Das sind mehr Geräte und Experimente, als bei allen anderen Flügen zuvor. Ein Indiz dafür, dass neben dem weiteren Auf- und Ausbau der Station nunmehr auch die Forschung auf immer breiterer Front beginnt. In den EXPRESS-Racks befinden sich auch die letzten Geräteteile für das vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) initiierte Strahlenmess-Experiment "Dosimetric Mapping". Der erste Teil wurde bereits im März 2001 mit der STS-102-Mission zur ISS gebracht. Bei dem deutschen Experiment werden die Strahlenbelastung in 380 km Höhe sowie die Strahlungsverteilung in der ISS ermittelt. Die Messung erfolgt direkt an den Astronauten sowie an verschiedenen Orten unterschiedlicher Abschirmung innerhalb des US-Labors Destiny.

Erstmalig sind europäische und amerikanische Detektoren an gleichen Orten untergebracht, wodurch eine Kalibrierung der verschiedenen Detektorsysteme während des ISS-Flugbetriebes möglich ist. Damit sollen exakte Angaben über Arten und Höhe der Strahlenbelastungen gewonnen werden, denen die Astronauten in den unterschiedlichen Bereichen der Raumstation ausgesetzt sind. Vor allem soll damit die Frage geklärt werden, wann und wo die Grenze der Verträglichkeit überschritten werden könnte.

Nach dem italienischen ESA-Astronauten Umberto Guidoni wird bereits im Oktober die französische ESA-Astronautin Claudie André-Deshays als nächster Vertreter Westeuropas an Bord des russischen Raumschiffes Sojus TM 33 zur ISS aufbrechen.

Live-Sendungen auf der Web-Sonderseite

Am 19. April überträgt die ESA zwischen 20.00 und 21.00 Uhr MESZ das Startgeschehen in einer Live-Sendung auf der Web-Sonderseite http://www.esa.int/guidoni. Diese Web-Sonderseite wird während des gesamten Fluges zugänglich sein und Videos sowie Hintergrundinformationen über die aktuelle STS-100-Mission liefern. Darüber hinaus überträgt die ESA die täglichen Missions-Höhepunkte unter: http://television.esa.int

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