Frauen starten zu terrestrischer Weltraummission

Verkabelt für die Wissenschaft: Probandin bei EKG-Ableitung
17 Februar 2005

Am 22. Februar beginnt für zwölf handverlesene Frauen ein Liegemarathon im Dienst der Weltraummedizin. Mit dieser Langzeit-Bettruhestudie untersucht die Europäische Weltraumorganisation ESA im südfranzösischen Toulouse die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den weiblichen Körper.

Die mehrmonatige Liegestudie mit der Bezeichnung WISE (Women International Space Simulation for Exploration) ist die erste groß angelegte Langzeitstudie dieser Art, an der ausschließlich Frauen teilnehmen. Sie dient zur Vorbereitung künftiger Langzeitmissionen im erdnahen sowie interplanetaren Weltraum. Vorgesehen sind Untersuchungen an insgesamt 24 streng ausgewählten Liege-Astronautinnen, um zu erkunden, welche Auswirkungen die simulierte Schwerelosigkeit speziell auf den weiblichen Organismus hat.
Bis Mitte Januar hatten sich 1633 interessierte Frauen online registrieren lassen. Nach einem mehrstufigen Auswahlverfahren wurden schließlich zwölf Probandinnen benannt, die an der ersten Untersuchungsstaffel teilnehmen. Neben Kandidatinnen aus Frankreich, Großbritannien, Polen, Finnland und der Tschechischen Republik konnte sich auch eine terrestrische Astronautin aus Deutschland für die Liegemission qualifizieren.
Die Bettruhestudie wird vom französischen Institut für Raumfahrtmedizin und -physiologie MEDES durchgeführt. Als Versuchsstation dient die klinische Forschungseinrichtung des MEDES in der Rangueil-Klinik in Toulouse. Neben der ESA sind an dem Projekt die französische Raumfahrtagentur CNES, die amerikanische Weltraumbehörde NASA und die kanadische Raumfahrtagentur CSA beteiligt.

Zweimonatiger Liegemarathon

MEDES-Personal hilft beim Flywheel-Training

Am 22. Februar beziehen die ersten zwölf Probandinnen ihre Zimmer in der terrestrischen Raumstation des MEDES in Toulouse. Dort müssen sie zunächst eine dreiwöchige Untersuchungsphase zur Erhebung der Basisdaten hinter sich bringen, bevor die eigentliche 60-tägige Liegephase folgt.
Auf die zwölf Damen, die nach einem strengen medizinisch-psychologischen Screening das Rennen gemacht haben, kommt einiges zu. Strikte Bettruhe mit einer Kopftieflage von minus sechs Grad – d.h. der Kopf liegt etwas tiefer als die Beine – ist in diesen 60 Tagen unverrückbares Gebot. Nur so lassen sich die Bedingungen der Schwerelosigkeit durch Bettruhe optimal simulieren.
Bei längeren Missionen im All – und bei länger andauernder Bettlägerigkeit – kommt es unter anderem zur Rückbildung von Muskeln und Knochen, zur Umverteilung der Flüssigkeiten im Körper und zu Veränderungen von Blutdruck und Puls.

Für die zwölf Liegeamazonen bedeutet das wissenschaftlich begründete Aufstehverbot ein Leben in der Horizontalen. Selbst Essen und Duschen ist nur im Liegen erlaubt. Verschärfend kommt hinzu, dass die Probandinnen auf der „Weltraumstation“ weitgehend von der Außenwelt isoliert sind, auch dies entspricht ja der Situation während einer Weltraummission. Außerdem wird jede Testperson rund um die Uhr videoüberwacht. Die zwölf Damen müssen also echtes Durchhaltevermögen beweisen. Doch den hoch motivierten terrestrischen Astronautinnen dürfte dies keine Probleme bereiten.

Im Bett – und doch keine Ruhe

Schweißtreibende Tretmühle: Training am Unterdruck-Laufband

Die zwölf Studienteilnehmerinnen werden in drei Gruppen zu je vier Frauen unterteilt. Eine Vierercrew absolviert während der Bettruhephase – natürlich liegend – ein umfangreiches Fitnessprogramm. Trainiert wird am Flywheel, einem im Auftrag der ESA entwickelten Muskeltrainer, und mit einem Unterdruck-Laufbandsystem, das den Dauerlauf im Liegen erlaubt. Die Trainingsgruppe muss dreimal pro Woche zu einem rund 30-minütigen Workout am Flywheel antreten. Viermal pro Woche erwartet die Liege-Astronautinnen außerdem ein rund einstündiges Training auf dem Liege-Laufband.

Ein weiteres Frauenquartett hält während der strikten Bettruhe eine ausgeklügelte Diät ein, bei der die Ernährung durch ausgewählte Nahrungsergänzungsmittel komplettiert wird.
Die dritte Gruppe schließlich fungiert als Kontrollgruppe. Sie liefert die grundlegenden Daten, die ohne Beeinflussung durch Training oder spezielle Ernährung zustande kommen. Damit stehen Vergleichswerte zur Beurteilung der Trainings- und Diäteffekte in den anderen zwei Gruppen zur Verfügung.

Strammes Untersuchungsprogramm

Auch die Wissenschaft fordert von den Liegeastronautinnen ihr Tribut. Zwölf Untersuchungsteams begleiten die Probandinnen während ihrer Mission. 67 Wissenschaftler aus elf Ländern sammeln ständig Untersuchungsergebnisse und werten Daten aus.
"Die Bettruhestudie soll in erster Linie neue Erkenntnisse über die Veränderungen von Muskeln und Knochen unter Schwerelosigkeitsbedingungen, über die Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System und veränderte Stoffwechselprozesse erbringen", erläutert der Weltraummediziner Peter Jost, der als ESA-Projektleiter für die Studie in Toulouse zuständig ist. "Beobachtet werden aber auch Veränderungen des Immunsystems, Veränderungen im Hormonsystem, mögliche psychische Effekte der Situation sowie Veränderungen im Nervensystem und bei der Blutgerinnung." Die zwölf Frauen sehen also einem anspruchsvollen Untersuchungsmarathon ins Auge.

Frauenpower erobert das All

Lesen in Dauerschräglage: Das Leben in der Liegephase

In jüngster Zeit interessieren sich immer häufiger auch Frauen für Berufe in der Raumfahrt. Und immer öfter drängt es Frauen auch, als Astronautinnen das All zu erobern. Das Astronautenkorps der Amerikaner beispielsweise besteht bereits heute zu 20 Prozent aus Frauen. Es gibt also gute Gründe, die Auswirkungen der Schwerelosigkeit speziell auf den weiblichen Körper eingehend unter die Lupe zu nehmen.
"In vielen Bereichen wissen wir noch kaum etwas über geschlechtsspezifische Unterschiede", so der Weltraummediziner Jost. "Männern und Frauen werden bislang dieselben Therapien verordnet, obwohl wir eigentlich nicht wissen, ob der Körper von Mann und Frau in gleicher Weise auf Schwerelosigkeit reagiert."
Die WISE-Bettruhestudie soll helfen, diesen weißen Fleck auf der Forschungslandkarte zu beseitigen. So gesehen sind die zwölf Frauen, die sich jetzt in Toulouse für die Weltraummedizin ins Bett legen, Wegbereiter für die Raumfahrerinnen der Zukunft.

Weitere Astronautinnen gesucht

Sind Sie eine Frau zwischen 20 und 45, die nach den Sternen greifen will? Dann sollten Sie die Gelegenheit beim Schopfe packen. Bewerben Sie sich jetzt für die zweite Staffel der Studie in Toulouse, die im September 2005 anläuft. Sie sollten allerdings körperlich und geistig fit, Nichtraucher und des Französischen oder Englischen mächtig sein. Nähere Informationen über Anforderungen, Teilnahmebedingungen und Bewerbungsmodalitäten finden Sie im Internet unter www.medes.fr/ltbrw

"Besonders interessant ist die Teilnahme natürlich für Frauen, die Berufe in der Raumfahrt anstreben", erläutert Peter Jost. "Bei der Studie lernt man Wissenschaftler kennen, die mit Astronauten arbeiten. Und auch im Lebenslauf macht sich die Teilnahme an dieser Studie natürlich prima."

Ansprechpartner
Dr. Peter Jost
Facharzt für Weltraummedizin
ESA-Direktion für bemannte Raumfahrt
Noordwijk, Niederlande
Tel.: + 31 71 565 6612
Fax: + 31 71 565 36 61
E-Mail: peter.jost@esa.int

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