Mit Jules Verne zur Raumstation

Herbst 2004: Jungfernflug von
Herbst 2004: "Jules Vernes" Jungfernflug zur ISS
23 April 2002

Zur Versorgung der Internationalen Raumstation soll erstmals im Herbst 2004 der Transportgigant aus dem Euroland, das „Automated Transfer Vehicle“ ATV, eingesetzt werden. Das erste Exemplar stellte die Europäische Raumfahrtagentur ESA in ihrem Weltraumforschungs- und Technologiezentrum ESTEC vor. Es trägt den Namen eines großen Raumfahrt-Visionärs des 19. Jahrhunderts: Jules Verne.

Premiere im holländischen Noordwijk, dem Standort des ESTEC: Die erstmals der Öffentlichkeit vorgestellte komplette Einsatzkonfiguration des mit 20,7 t Startmasse gigantischen Fracht-Transporters „Automated Transfer Vehicle“ ATV wurde auf den Namen "Jules Verne" getauft.
Damit ehrt die ESA einen Schriftsteller, der mit seinen Werken seit über 100 Jahren Millionen junger Leute immer wieder aufs neue begeistert und Weltraumforscher durch seine außergewöhnlichen Ideen inspiriert hat: Von der Erde zum Mond, Reise zum Mittelpunkt der Erde, 20 000 Meilen unter dem Meer, sind nur einige seiner Bestseller.

„Jules Vernes phantastische Geschichten haben uns etwas gegeben, wovon wir träumen können: die Zukunft", hebt Robert Laine, ATV-Projektleiter der ESA in seiner Laudatio hervor und ergänzt sogleich: „Wir in der ESA tragen mit unserem Raumschlepper für die Internationale Raumstation dazu bei, dass diese Zukunft Realität wird."

Jules Verne – der Multifunktions-Transporter

"Jules Verne" am Swesda-Modul
"Jules Verne" am Swesda-Modul

Der permanente Betrieb der Internationalen Raumstation ISS erfordert einen immens großen Aufwand an Transportleistungen. Nicht nur die Versorgung mit lebensnotwendigen Nachschubgütern, Ausrüstungen und Ersatzteilen, auch die Entsorgung von Abfallstoffen und defekten Geräten sowie die Rückführung wertvoller Materialien müssen abgesichert sein.

Hochrechnungen gehen davon aus, dass die auf der ISS tätigen Raumfahrerteams jährlich etwa 20 t an Vorräten verbrauchen werden. Pro ATV-Start können etwa 7,6 t Versorgungsgüter – Treibstoff, Wasser, Sauerstoff, Lebensmittel, Ausrüstungen – zur ISS gebracht werden.
Ein Antriebs- und Avionikmodul steuert automatisch die verschiedenen Flug- und Andockphasen. „Jules Verne“ koppelt am Heck des russischen Service-Moduls Swesda an. Die Andockmanöver werden durch das im Auftrag der ESA von der Astrium-Raumfahrt-Infrastruktur in Bremen entwickelte Datenmanagementsystem DMS-R gesteuert. Eine der Hauptaufgaben von „Jules Verne“ ist das Betanken der ISS. Hierzu wird eine speziell entwickelte Tankvorrichtung zwischen ATV und dem Swesda-Modul genutzt.

Das Innere des fast 10 m langen unbemannten Raumtransporters ist in drei Fracht-Kammern unterteilt. Sie enthalten Treibstoffe (hinten), Flüssigkeiten, vornehmlich Wasser (Mitte) sowie Stückgüter, vor allem Lebensmittel und Ausrüstungsgegenstände (vorne). ATV bleibt dann bis zu sechs Monate an der Station angedockt, um die ISS regelmäßig auf ihre Ursprungsbahn anzuheben oder experimentabhängig Bahnänderungen vorzunehmen.
Der multifunktionale Raumtransporter ist neben dem Columbus-Labor Europas bedeutendster Beitrag zur ISS. „Jules Verne“ verfügt über wesentlich mehr Ladekapazität als der russische Progress-Frachter. Dadurch verringert sich die Zahl der Raketenstarts.

Der Gigant aus dem Euroland

Die ESA wird mindestens acht ATV bauen. Die genaue Zahl hängt von der tatsächlichen Betriebsdauer der Raumstation ab. An dem Vorhaben sind 38 Firmen aus Europa, Russland und den USA unter der Leitung des Unternehmens EADS Launch Vehicles in Frankreich (vormals Aérospatiale) beteiligt.

„Jules Verne“ ist für Europa in mehrfacher Hinsicht äußerst lukrativ. Durch ihn wird der europäische Schwerlastträger Ariane 5 in das Logistikkonzept der ISS-Versorgung einbezogen. Die anteiligen ISS-Operationskosten, die Europa der NASA für den Betrieb der Raumstation zahlen müsste, werden auf diese Weise durch Transportleistungen mit eigenen Fahrzeugen kompensiert. Anstelle von Devisenzahlungen an die NASA bringt Europa Sachleistungen ein, die in Europa erdacht, entwickelt und umgesetzt werden. ATV ist somit ein Motor für europäische Wissenschaft und Hochtechnologie. Es stärkt den Standort und ist ein hervorragender Auftrag für die europäische Wirtschaft.

Mit fast 10 m Länge, einem Durchmesser von 4,50 m sowie über 20 t Startmasse ist „Jules Verne“ zugleich die bislang größte Einzelnutzlast des Schwerlastträgers Ariane 5. Arianespace wird die Starts in Kourou mit der weiterentwickelten Ariane 5 vornehmen, die über eine neue wiederzündbare Oberstufe verfügt. Ab Herbst 2004 soll im Abstand von jeweils 15 Monaten je ein ATV gestartet werden.

Die fliegende Müllabfuhr

ATV verglüht über dem Südpazifik
ATV verglüht über dem Südpazifik

Versorgungstransporter wie „Jules Verne“ sind nicht wiederverwendbar. Nach dem Ankoppeln und dem Umladen der Güter werden sie im Wesentlichen als Mülltonne genutzt. Alle Abfälle und verbrauchten Betriebsmittel kommen in den Frachter. Das ATV kann davon bis zu 6,5 t aufnehmen. Beim kontrollierten Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühen ATV und Müll über dem Südpazifik.

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