Mögen Marsianer Musik?

Beagle 2 soll auf dem Mars nach Lebensspuren suchen
17 September 2002

Wohl keiner der Planeten hat die Phantasie des Menschen so angeregt, wie der erdähnliche Mars, der nur durch seine ihm eigene rötliche Färbung Anlass zu zahlreichen Legenden, Hypothesen und Spekulationen gab. Die europäische Raumfahrtagentur ESA will ab 2003 mit mehreren Premieren untersuchen, ob es auf unserem Nachbarn Leben gab oder gibt. Mars Express ist nicht nur Europas erste Mission zum roten Planeten. Der mitgeführte Roboter Beagle 2 soll Weihnachten 2003 Europas erste Landung auf einem anderen Planeten vollziehen und sogar Popmusik übertragen.

Anfang Juni 2003 soll die erste europäische Marsmission an der Spitze einer Sojus/Fregat-Trägerrakete vom russisch-kasachischen Kosmodrom Baikonur aus ins All starten. Die Mission Mars Express besteht aus einem Orbiter mit sieben wissenschaftlichen Experimenten und einem Landegerät Beagle 2, das gezielt nach Spuren vergangenen oder gegenwärtigen Lebens auf dem Mars suchen soll. Mit Beagle 2 wird die Alte Welt zugleich erstmals auf einem anderen Planeten landen. Um noch mehr Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können, hat die Europäische Raumfahrtagentur ESA den Bahnverlauf der Raumsonde so gewählt, dass auch der Marsmond Phobos untersucht werden kann. Die Sonde Mars Express wird vom Europäischen Weltraum-operationszentrum ESOC in Darmstadt kontrolliert und gesteuert.

Beagle 2 und sein Maulwurf

Trennung des Landers Beagle 2 vom Mars Express

Mars Express wird zur Weihnachtszeit 2003 den roten Planeten erreichen. Der Orbiter beobachtet dann mindestens ein komplettes Marsjahr lang – das entspricht zwei Erdjahren – aus einer polaren Umlaufbahn den gesamten Planeten. Die Instrumente werden die Atmosphäre, die Oberfläche sowie oberflächennahe Schichten im Untergrund mit einer nie zuvor erreichten Genauigkeit aus der Ferne in verschiedenen Wellenlängenbereichen erkunden. Mit an Bord ist auch eine Stereo-Farbbild-Kamera vom DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof. Mit ihr können dreidimensionale flächendeckende topographische Reliefs erstellt werden.
Beagle 2 wird selbständig zu einem sorgfältig ausgewählten Landeplatz in der Ebene Isidis Planitia unmittelbar nördlich des Äquators absteigen, wo das ältere, von Kratern übersäte Hochland des Südens an das jüngere, glattere Tiefland des Nordens grenzt. Etwa sechs Monate kann Beagle 2 dort nach extraterrestrischem Leben fahnden sowie die Geologie, Mineralogie und Geochemie in der Umgebung des Landeplatzes erkunden. Zu den Bordinstrumenten gehört auch ein kleiner Spezialbohrer, „Maulwurf“ genannt, mit dem das Landegerät Bodenproben aus mehr als einem Meter Tiefe entnehmen kann. Beagle 2 ist seit den zwei amerikanischen Viking-Sonden von 1976 der erste Mars-Lander, der ganz gezielt nach Spuren organischen Lebens sucht.
Mit dem Namen Beagle soll Charles Darwin geehrt werden, der vor 165 Jahren mit dem ersten Schiff Beagle die Welt umsegelte und seine Theorien vom Ursprung der Arten entwickelte. Beagle 2 soll in Darwins Fußstapfen treten und – wenn alles klappt – den Ursprung marsianischen Lebens aufspüren.

Britische Popmusik zum Mars

Planetenkundler Colin Pillinger präsentiert ein Modell des Beagle-2-Landers

Wenn Beagle 2 sicher die Marsoberfläche erreicht hat, werden sogar musikalische Grüße vom roten zum blauen Planeten übertragen. Die britische Erfolgsband „Blur“ hat hierfür einen Song komponiert, mit dem die – sowieso himmelhoch hinaus strebenden – Popstars auch im interplanetaren Raum Fuß fassen wollen.
Die Idee hierzu brüteten Blur-Trommler Dave Rowntree und Bassmann Alex James Ende 1999 aus. Nach den Erfolgen, die Blur als Erneuerer des Britpop im Vereinigten Königreich feierten, wollten sie nun neue Horizonte ins Visier nehmen. Was, wenn ein Blur-Song zum Mars flöge? Rowntree und James wandten sich an den wissenschaftlichen Leiter des Beagle-2-Projekts, Colin Pillinger von der Open University. Der Planetenforscher erkannte sofort, welche Möglichkeiten die Idee bot und war begeistert.
„Als wir das Beagle-Projekt in Angriff nahmen, mussten wir unsere Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen. Außerdem mussten wir jede Menge Geld auftreiben. Blur hat uns zweifach geholfen: Sie hat für Medienaufmerksamkeit gesorgt und uns das Erkennungssignal für die Mission geliefert“, so Pillinger.
2002 ging die Band dann zusammen mit Pillinger und einem Software-Spezialisten ins Studio, um die Blur-Komposition „Beagle 2“ in den Quellcode der Beagle-Software einzugeben. Die Komposition basiert auf einer mathematischen Reihe, der so genannten Fibonacci-Sequenz. Sie bedient sich auch bei der Titelmusik von „Dr. Who“, einer britischen Science-Fiction-Fernsehserie, die Kultstatus genießt. In seiner digitalisierten Form erinnert das aus neun Tönen bestehende Blur-Signal allerdings eher an einen Handy-Klingelton.

"Stille Nacht" einmal anders

Die Gruppe Blur "Britpop für den Mars"

Der solchermaßen pop-programmierte Beagle-2-Lander reist mit dem ESA-Mars Express huckepack zum roten Planeten. Nach geglückter Landung, voraussichtlich am ersten Weihnachtsfeiertag 2003, werden die Systeme des Landers hochgefahren und Beagle signalisiert mit poppigem Piepsen den erfolgreichen Abstieg zum roten Planeten. Danach soll dann jede Nachricht des Landers, die via Mars-Express-Orbiter zur Erde gefunkt wird, mit dem Popsignal von Blur als Kennung beginnen.
„Normalerweise wird zu diesem Zweck irgendwelcher Computerkauderwelsch übertragen“, so Pillinger, "aber diesmal wollten wir etwas haben, das man sofort wiedererkennt“.
Kritisch könnte es werden, wenn Beagle 2 hinsichtlich „Leben“ tatsächlich fündig wird. Denn wie Rockmusik bei den kleinen grünen Marsmännchen – oder großen roten Marsfrauen? – ankommt, ist bislang noch ungeklärt. „Wir können nicht wissen, wie eine freundliche, warmherzige Begrüßung klingt und was als Kriegserklärung aufgefasst wird“, so Blur-Trommler Rowntree, „aber ich bin ziemlich sicher: Marsianer mögen Britpop“.

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