Neues Buch zur Geschichte der deutschen Raumfahrt

29 Juli 2005

Raumfahrt hat in Deutschland eine lange Tradition, die bis in die 1920er Jahre auf Hermann Oberth und Wernher von Braun zurück reicht. Niklas Reinke ist es erstmals gelungen, diese Geschichte tief greifend zu analysieren und sie in einer gut lesbaren sowie übersichtlichen Bilanz darzustellen. Sein bemerkenswertes Sachbuch schließt eine wichtige Lücke.

Wenn an dieser Stelle ein – von der Aufmachung her eher unscheinbares – Buch vorgestellt wird, dann muss es sich um etwas Außergewöhnliches handeln. Das ist in der Tat so. Der Oldenbourg Wissenschaftsverlag hat innerhalb der „Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.“ die Dissertation von Niklas Reinke über die Geschichte der deutschen Raumfahrtpolitik veröffentlicht.

Das empfehlenswerte Sachbuch ist das Ergebnis einer auf solidem Quellenstudium basierenden raumfahrthistorischen Forschung. Es gibt einen detaillierten Überblick über die deutsche Raumfahrt von ihren Anfängen in den 1920er Jahren, die Entwicklungen im nationalsozialistischen Deutschland, über die europäische Einbindung und transatlantische Kooperation nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur heutigen internationalen Zusammenarbeit.

Reinkes analytische Fähigkeiten großer technischer sowie gesellschaftspolitischer Zusammenhänge bilden den Schlüssel zum Erfolg. Zudem widerlegt er mit seiner Schrift überzeugend den Irrglauben, eine Dissertation müsse akademisch abgehoben sein. Der Autor vermeidet Fremdwörter, Phrasen, Worthülsen. Er schreibt leicht verständlich, sachlich-nüchtern und dennoch spannend. Sein Werk gleicht einem verbalen Doku-Drama. Der Leser erfährt viel Neues sowohl an Detailwissen als auch – und das sei besonders positiv angemerkt – an Hintergründen und Zusammenhängen.

Die deutsche Raumfahrtgeschichte beginnt 1923, als Oberth sein bahnbrechendes Werk "Die Rakete zu den Planetenräumen" veröffentlichte. Jenes Werk, das die theoretische Grundlage für die spätere Raketenentwicklung bildete. Ausgehend von dieser Zäsur gliederte Reinke sein Buch in fünf chronologische Abschnitte:

  1. Raketenforschung in Deutschland (1923 – 1955)
  2. Entstehung der bundesdeutschen Raumfahrtpolitik (1955 – 1969)
  3. Raumfahrtpolitik der sozial-liberalen Koalition (1969 – 1982)
  4. Autonomiebestrebungen Europas und Wandel des deutschen Raumfahrtmanagements (1982 – 1990)
  5. Raumfahrtpolitik unter neuen Rahmenbedingungen (1990 – 2002)

Deutschland und die europäische Raumfahrtgemeinschaft

Spätestens beim zweiten Kapitel wird mit dem Aufbau einer europäischen Raumfahrtgemeinschaft (Gründung ESRO, ELDO) klar, dass Reinkes Werk weitaus mehr ist, als „reine deutsche“ Raumfahrt. Auch die europäische sowie transkontinentale Raumfahrtgeschichte mit ihren wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Politik, Wirtschaft und Forschung werden transparent dargestellt. Der Autor versteht es hierbei, dem Leser hautnah das berühmte WIE FUNKTIONIERT POLITIK? zu vermitteln. Reinkes Resümee: Deutschlands Raumfahrtpolitik pendelt zwischen Eigenverantwortung und Fremdbestimmung.

Den fünf Zeitabschnitten folgt ein bemerkenswerter Anhang: Eine exzellente einhundertseitige Dokumentation der bislang unter deutscher Beteiligung gestarteten Missionen. Einziges Manko, das man evtl. anbringen könnte: Es fehlen – an dieser Stelle – die „DDR-deutschen“ Missionen und -beteiligungen. Gleichwohl unterstützen sorgsam ausgewählte Abbildungen, Tabellen, Organigramme sowie Zitate den Inhalt des Buches. Hervorzuheben sind die guten Quellenangaben, das Personenregister sowie das Sachwortverzeichnis. Über sie lässt sich schnell jede gewünschte Information finden.

Niklas Reinke hat ein sowohl solides als auch populäres Standardwerk der deutsch-europäischen Raumfahrtpolitik geschaffen, das noch lange Zeit aktuell bleiben dürfte.

Dr. Niklas Reinke:
Geschichte der deutschen Raumfahrtpolitik – Konzepte, Einflussfaktoren und Interdependenzen 1923-2002.
Oldenbourg Verlag München 2004, 602 S., 73 Abb., gebunden.
ISBN 3-486-56842-6, 49,80 Euro

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