Phoebe: Ein Außenseiter

Der Saturnmond Phoebe aufgenommen von Cassini

Dank der ausgefeilten Reiseroute gelang dem Späherduo am 11. Juni 2004 eine erste wichtige Begegnung. Auf dem Programm stand der Besuch bei Phoebe, einem rätselhaften äußeren Saturnmond, den die Raumsonde Voyager 2 vor 23 Jahren erstmals ins Visier genommen hatte. 1981 näherte sich die Sonde auf zwei Millionen Kilometer dem Objekt.

Von dem Saturnmond, der 1898 vom amerikanischen Astronomen William Henry Pickering entdeckt worden war, wusste man trotz Voyager 2 sehr wenig. Phoebe hat einen Durchmesser von 220 Kilometern, kreist in 550 Tagen in einer mittleren Distanz von 13 Millionen Kilometern um den Saturn und dreht sich in 9 Stunden und 15 Minuten um sich selbst. Das Besondere an dem Außenseiter ist: Phoebe dreht sich genau anders um den Saturn herum. Er ist damit ein so genannter irregulärer Mond. Zudem ist seine Bahn gegenüber dem Saturnäquator stark geneigt, gegenüber der Ebene, in der Saturn um die Sonne läuft, jedoch fast gar nicht. Alles Indizien, die darauf hindeuten, dass Phoebe anders als die anderen Saturn-Monde entstanden sein dürfte.

Eisige Überraschung aus der Urzeit

2004 sollte es ein Festmahl für die Planetologen werden, denn das Gigantenpaar Cassini-Huygens rauschte mit einer Geschwindigkeit von 5,7 Kilometer pro Sekunde nur 2070 Kilometer über Phoebe hinweg. Was die elf Forschungsgeräte während des nahen Vorbeifluges erfassten, verschlug so manchem Forscher die Sprache: Phoebe ist ein Relikt aus der Geburtszeit unseres Sonnensystems und damit ungefähr 4,5 bis 4,6 Milliarden Jahre alt. Die NASA verglich ihn mit dem Fund eines in "arktischem Eis eingeschlossenen wolligen Mammut" aus einer längst vergangenen Zeit.

Wie die Auswertung der Daten ergab, besteht Phoebe aus Wassereis, wasserhaltigen Mineralien, Tonmineralien, Gestein, Kohlendioxid, einfachen Kohlenstoffverbindungen sowie „einfachen organischen Verbindungen, die in Flecken auf der Oberfläche verteilt sind. Einige Materialien haben wir noch nicht identifiziert", berichtete Roger Clark vom U.S. Geological Survey.

Phoebe hat eine Dichte von 1,6 Gramm pro Kubikzentimeter – schwerer als Wassereis, aber leichter als die meisten Gesteine. An seiner durch Meteoriten-Einschläge schwer zerklüfteten Oberfläche ist es bitterkalt. Es herrschen Tagestemperaturen von minus 163 Grad Celsius, nachts wird es noch kälter. Eine über 300 Meter dicke Schicht dunkleren Materials bedeckt die dicken inneren Eisschichten.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es vor 4,5 Milliarden Jahren unzählige Himmelskörper der Phoebe-Klasse im Sonnensystem gegeben hat. Sie stellten wichtige Bauelemente dar. Die meisten von ihnen sind von den jungen Riesenplaneten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun einverleibt worden. Andere wiederum wurden durch die Schwerkraft der Großplaneten auf fernere Bahnen geschleudert, die dann den so genannten Kuipergürtel bildeten, einen Ring aus abertausenden von Eis- und Gesteinsbrocken hinter der Umlaufbahn des Planeten Neptun.
Die NASA vermutet, dass Phoebe während dieser Zeit zurückgeblieben und in eine Umlaufbahn um den jungen Saturn gefangen worden sein könnte. Spektrometermessungen zeigen jedoch, dass Phoebes Oberfläche der von Kometen mehr ähnelt als einem Asteroiden und demzufolge mit den Objekten aus dem Kuiper-Gürtel verwandt sein dürfte.

Wie auch immer die genaue Ansprache von Phoebe einmal lauten wird: Das erfolgreiche Späherduo Cassini/Huygens hat den Planetenforschern erstmals einen detaillierten Blick auf einen uralten Eisbrocken aus der Kinderstube unseres Sonnensystems ermöglicht. Der Vorbeiflug an Phoebe markiert zudem den Eintritt in das Himmelskörper-System des Saturn, des zweitgrößten Planeten unseres Sonnensystems mit seinem auffälligen Ringen. Eines Systems, zu dessen Entschleierung die beiden Raumsonden entscheidend beitragen wollen.

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