Satellitengestützte Telemedizin - ein Fahrplan

Telemedicine allows patients to be 'visited' in their own homes
15 Juli 2004

Eine konstruktive Zusammenkunft von Experten der Telemedizin im Europäischen Weltraumforschungsinstitut ESRIN in Italien brachte die ESA in ihren Bemühungen um die Einrichtung eines Programms für die satellitengestützte Telemedizin einen Schritt weiter.

Am Montag letzter Woche fand im ESRIN ein eintägiges Roadmap-Symposium statt, bei dem über die seit dem letzten Treffen vor rund einem Jahr geleistete Arbeit berichtet und über den weiteren Fahrplan entschieden wurde. An diesem Symposium nahmen Vertreter der Weltgesundheitsorganisation, der Industrie sowie direkt im Gesundheitswesen aktive Ärzte und Verwaltungsfachleute teil. Darin spiegelte sich das ESA-Prinzip wider, stets von Anfang an Anwender und Interessensgruppen in Planungen mit einzubeziehen. In diesem Sinne äußerte sich auch Claudio Mastracci, Sonderberater des ESA Generaldirektors, vor dem Symposium: "Die ESA ist auf Zuhören geschaltet."

Auch die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe drückt aus, wie viel Bedeutung die ESA dem Endanwender beimisst. Nahezu alle Mitglieder sind direkt im Bereich der Gesundheitsfürsorge tätig. Seit einem Jahr nun arbeitet die Gruppe an den Grundlagen eines geplanten ESA-Programms für die satellitengestützte Telemedizin. Neben Diskussionen zwischen Symposium-Teilnehmern und Mitgliedern der Arbeitsgruppe berichtete letztere über die acht untersuchten Aspekte der Telemedizin:

  • Vernetzung von Diensten im Gesundheitswesen
  • Dienste für die Bürger
  • Gesundheitsfürsorge zu Hause
  • Mobilität
  • Frühwarnung vor umweltbedingten Gesundheitsrisiken
  • Weiterbildung durch Telematik im Gesundheitswesen
  • Zukunftskonzepte für Telematik im Gesundheitswesen und satellitengestützte Telemedizin

Praktische Telemedizin

Einige Telemedizinprojekte sind in verschiedenen Ländern bereits angelaufen. Im Rahmen des Symposiums wurden zwei von der ESA finanzierte, auf Satellitentelekommunikation gestützte Pilotprojekte vorgestellt. Bei einem dieser Projekte handelte es sich um ein kanadisches Modell für telematische Heimvisiten. Mithilfe eines normalen Fernsehgeräts und eines kabellosen Gesundheitsüberwachungs-Kits können Pfleger den Zustand ihrer Patienten vom Büro oder sogar von zu Hause aus überprüfen.

Die bisherigen Ergebnisse zeigen auf, dass das Pflegepersonal im Vergleich zu den zuvor durchschnittlich sechs bis acht Hausvisiten nun 16 bis 20 Patienten täglich "besuchen" kann. Der Verzicht auf Anfahrten bedeutet auch eine finanzielle Ersparnis. Außerdem fällt weniger Papierarbeit an, da die Daten auf elektronischem Wege vom Patienten zum Pfleger übertragen werden.

Die Patienten profitieren ebenfalls von diesem System, besonders Personen in entlegenen Gegenden, denen weite Wege zum nächsten Arzt nun erspart bleiben. Darüber hinaus hat die gründlichere Überwachung zu einem Rückgang der Krankenhausüberweisungen geführt.

Des Weiteren wurde ein komplett ausgestattetes Rettungsfahrzeug demonstriert. Dieses Pilotprojekt namens NESA (Next Generation Emergency Satellite Assistance) wird in Kürze im italienischen Vicenza gestartet. Das Rettungsteam an Bord dieses Fahrzeugs kann direkt vom Unfallort wichtige Daten und Röntgenaufnahmen per Satellit an eine medizinische Zentrale senden.

Anhand dieser Daten lässt sich in der Zentrale eine erste Diagnose stellen, die ihrerseits an die für den jeweiligen Patienten am besten geeignete Struktur weitergeleitet wird. Das Rettungsfahrzeug fährt direkt die so ermittelte Einrichtung an, die auf das Eintreffen des Patienten bereits vorbereitet ist. Dabei wird Zeit gespart, die in Notfällen über Leben und Tod entscheiden kann.

Fortschritt und Hürden

Die Telemedizin gehört zu den Bereichen, in welchen die Technologie der Möglichkeit oder dem Willen zur Umsetzung voraus ist. Es gilt, einen globalen telemedizinischen Dienst einzurichten, der allen Bürgern, egal wo sie sich befinden, die beste verfügbare Behandlung gewährleistet.

Zum Erreichen dieses Ziels kann die Satellitentelekommunikation einiges beitragen, stellt sie doch in entlegenen Gegenden, in Notfällen und an Bord von Flugzeugen oder Schiffen das beste, wenn nicht gar das einzige Hilfsmittel für die Datenübertragung in Echtzeit dar. Indem sie den Zugang zu guten medizinischen Diensten und Schulungen für Ärzte und Pflegepersonal rund um den Globus ermöglicht, kann die Telemedizin außerdem dazu beitragen, die digitale Bildungskluft zu beseitigen. Das Ergebnis wäre eine einheitliche gesundheitliche Versorgung für alle.

Bis dahin ist es jedoch ein weiter Weg, der mit etlichen juristischen, finanziellen, sozialen, technischen und sicherheitstechnischen Problemen gepflastert ist. Bevor ein selbst nur europaweites System umgesetzt werden kann, sind Fragen der Interoperabilität zu klären und die Systeme in den verschiedenen Ländern aufeinander abzustimmen. Und nicht zuletzt erfordert es den politischen Willen, derartige Hürden aus dem Weg zu räumen.

Die Arbeitsgruppe wird nun die während des Symposiums geäußerten Meinungen sammeln und auswerten und ihren Bericht fertig stellen, der dem ESA-Rat im nächsten Jahr in Form eines Programmvorschlags für die satellitengestützte Telemedizin vorgelegt werden soll.

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