Sojus - Eine Reise von Kasachstan nach Kourou

Grafik des künftigen Startkomplexes für Sojus in Kourou
15 Oktober 2003

Das Arbeitspferd der russischen Raumfahrt ist die legendäre Sojus, zugleich meisteingesetzte Trägerrakete der Welt. Die erfolgreichste Rakete aller Zeiten soll, so das strategische ESA-Projekt, in ihrer neuesten Version ab 2006 vom europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana starten. Noch in diesem Jahr beginnen hierzu die Bauarbeiten in Kourou.

Sie ist nicht totzukriegen, die Urmutter nahezu aller russischen Trägerraketen. 1957 begann ihre Karriere als Interkontinentalrakete R 7, liebevoll „Semjorka" genannt – „Rakete Nummer Sieben“. Auf ihrer Basis wurde eine Standardträgerrakete entwickelt, die – modifiziert und mit unterschiedlichen Oberstufen versehen – für Erdsatelliten (Sputnik, Elektron, Interkosmos, Kosmos, Meteor, Molnija, Poljot, Prognos), Raumsonden (Luna, Mars, Sonde, Venera) und Raumschiffe (Korabl, Wostok, Woschod, Sojus, Progress) bis heute verwendet wird.
Ein direkter Abkömmling jener legendären Semjorka ist auch die Sojus-Trägerrakete, aus der in den vier Jahrzehnten Dienst eine ganze Familie entstand. Die russische Rakete ist robust, preiswert und zuverlässig. Die Kosten liegen bei etwa 35 Mill. Euro für ausländische Starts in Russland. Am 29. August 2003 erfolgte ihr 1682. Einsatz. An diesem Tag startete eine Sojus-U mit dem Transportfrachter Progress M-48 vom Kosmodrom Baikonur.

Die Weltraumachse Europa - Russland

Erste Ost-West- Erfahrungen wurden mit Starsem gesammelt, dem 1996 gegründeten französisch-russischen Gemeinschaftsunternehmen zur Vermarktung aller im Einsatz befindlicher Semjorka-Trägervarianten. Der Firmenname ergibt sich aus der Abkürzung „Space Technology Alliance based on R-7 Semyorka launch vehicles". Neben Aérospatiale (35%, heute EADS) und Arianespace (15 %) sind das Herstellerwerk ZSKB-Progress in Samara (25 %) und die russische Raumfahrtagentur Rosawiakosmos (25 %) beteiligt.
Für die im Starsem-Auftrag zu realisierenden Sojus-Starts wurde das russisch-kasachische Kosmodrom Baikonur gewählt. Angesichts der Partnerschaft mit Arianespace kam aber schon bald die Idee von Sojus-Starts in Kourou auf. Man begann auf beiden Seiten Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen, wohlwissend, dass nicht nur ökonomische, sondern auch technisch-logistische und politische Fragen auf höchster Ebene geklärt werden müssen.
Die ESA bemühte sich um eine strategische Allianz: „Eine verstärkte Kooperation mit Russland, das über exzellentes Know-how in der Raketentechnologie verfügt, macht für beide Partner Sinn“, erklärte der damalige ESA-Chef Antonio Rodotá nach einem Moskau-Besuch. Im Juni 2002 bestätigte der ESA-Rat auf einer Tagung in St. Hubert (Kanada) sein Interesse an einer Zusammenarbeit mit Russland bei der Entwicklung innovativer Trägerraketen der nächsten Generation sowie dem Einsatz der Sojus durch Arianespace vom europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana. Im gleichen Jahr wurde auch eine entsprechende Rahmenvereinbarung zwischen der EU und Russland zum Projekt „Sojus-Kourou“ abgeschlossen.

Sojus soll Platz von Ariane 4 einnehmen

Die neue Startplattform für die 46 m hohe Sojus 2

Alle bemannten Sojus-Missionen starten vom Kosmodrom Baikonur. Doch nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion lag Russlands wichtigstes Kosmodrom mit einmal im Ausland. Trotz vertraglicher Sicherungen mit Kasachstan bleibt ein Restrisiko an Unsicherheit bestehen. Aus diesem Grund wollte Russland ein Ersatzkosmodrom errichten. Es suchte in verschiedenen südlicher gelegenen Regionen der Welt nach einem entsprechenden Gebiet. Sämtliche Pläne waren jedoch aufgrund der ungesicherten Finanzierung zum Scheitern verurteilt. So stand Russland gegenüber der Kourou-Idee aufgeschlossen gegenüber.
Doch die westliche Seite hat auch kein Geld. Ihr Arbeitspferd, die profitable und flexible Ariane 4, existiert nicht mehr. Die Produktion war zugunsten der Ariane 5 eingestellt worden. Die Sojus könnte zwar nicht die Ariane 4 ersetzen, aber ihren Platz einnehmen.
Kourou hat gegenüber Baikonur den Vorteil der größeren Nähe zum Äquator. Rosawiakosmos-Chef Juri Koptew bezifferte den energetischen und damit Nutzlastvorteil auf den Faktor 2,5. Angesichts von Preisen um 20 000 Euro/kg liegen hier enorme ökonomische Potenzen, so dass die ohnehin preiswerte Trägerrakete an Attraktivität noch gewinnen wird.

ESA gibt grünes Licht

Der Erststart der „Sojus-Kourou“ ist für 2007 geplant

Am 27. Mai 2003 kamen die für Raumfahrtangelegenheiten zuständigen Minister der Mitgliedstaaten der Europäischen Weltraumorganisation ESA und Kanadas in der ESA-Hauptverwaltung in Paris zum Krisengipfel zusammen. Es ging u.a. um die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit der Ariane 5. Wichtige Weichenstellungen gab es auch hinsichtlich der strategischen Kooperation mit Russland. Die ESA stimmte zu, die Trägerrakete Sojus von dem europäischen Weltraumbahnhof Kourou (CSG) in Französisch-Guayana aus zu starten. Ihr Einsatz würde das Startangebot von Ariane 5 sowie VEGA optimal ergänzen, so dass drei Trägerraketen aus drei verschiedenen Größenklassen zur Verfügung stehen. Dieses politische Signal an Moskau für eine europäisch-russische Zusammenarbeit im Weltraum läßt sich die ESA insgesamt 314 Mill. Euro kosten. Beteiligt sind an dem Programm Frankreich, das mit 50 % den Löwenanteil trägt, Deutschland, Belgien, Schweiz, Österreich, Italien und Spanien. Die Russische Seite bringt rund ein Drittel der Gesamtkosten auf.

Für die Sojus wird 10 km nördlich der bestehenden Ariane-5-Startanlagen – im Dschungel auf dem CSG-Gelände – der russische Startkomplex errichtet. Mit den Bauarbeiten soll noch in diesem Jahr begonnen werden. Russland will hierzu in den ersten sechs Monaten bis zu 200 Spezialisten entsenden, die den europäischen Technikern beim Aufbau der Startanlagen helfen sollen. Danach werden durchschnittlich 100 russische Spezialkräfte dauerhaft vor Ort sein. Den Montagekomplex MIK errichten die Russen. „Die Arbeiten an der Infrastruktur und den Raketen-Systemen, welche sich einer kompletten Modernisierung unterziehen müssen, werden Ende 2005 abgeschlossen sein", so der Rosawiakosmos-Chef.

Die Weichen sind gestellt

Im Dschungel von Guyana entsteht der Startkomplex für die Sojus-Rakete

In Kourou wird die neue Sojus-2-Trägerrakete an den Start gehen. Sie soll in zwei Versionen angeboten werden: Sojus/ST (2-1A sowie 2-1B). Aussagen von Koptew zufolge dürften vier Sojus-Starts pro Jahr genügen, um die Kosten einzuspielen. Danach würde bereits die Gewinnzone beginnen.
Einige Startaufträge stehen schon fest. Bei ihrem ersten Flug von Kourou aus, der für Mitte 2006 geplant ist, soll die neue Sojus den französischen Astronomiesatelliten Corot auf eine polare Umlaufbahn bringen. Gebucht sind ferner die Missionen Venus-Express, Smart 2, BepiColombo, Eddington sowie die ersten Satellitencluster für das europäische Navigationssystem Galileo.
Auch wenn die bemannten Raumflüge kein Verhandlungsgegenstand waren, so besteht doch von beiden Seiten eine Option darauf. So wird bei der gegenwärtigen Gesamtplanung der Anlagen und Einrichtungen die Möglichkeit ihrer Nachrüstung für bemannte Flüge bereits berücksichtigt. Denkbar ist also nahezu alles.

Copyright 2000 - 2014 © European Space Agency. All rights reserved.