Ein Chrysler mit himmlischem Kontakt

Vier DVD-Laufwerke können leicht bedient werden
Vier DVD-Laufwerke können leicht bedient werden
29 September 2002

Das erste Multimedia-Auto, ein Chrysler Voyager, befindet sich im Test auf Europas Straßen. Die fahrende Kommunikationszentrale wurde im Auftrag der ESA von der Grazer Forschungsgesellschaft Joanneum Research entwickelt. Über einen neuartigen Empfänger haben die Insassen ständig himmlischen Kontakt zu Kommunikationssatelliten, über die sie weltweit das Internet und andere Multimediaquellen anzapfen, Videokonferenzen durchführen, wahlweise Fernsehen, Video oder DVD-Filme ansehen können. Selbstverständlich gehören eigene PCs, Monitore, Drucker und Scanner dazu, die das Multimediaauto zum rollenden Büro machen. Gegenwärtig wird der Chrysler Voyager in Italien mit Antenne und Receiver für den Satellitenempfang von Multimediainformationen ausgerüstet.

Das Auto als fahrende Kommunikationszentrale

Äußerlich sieht der von der Grazer Forschungsgesellschaft Joanneum Research aufgerüstete Chrysler Voyager wie jedes andere Fahrzeug seines Typs aus. Wenn da nicht auf dem Dach eine merkwürdige Antenne wäre. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich der Van jedoch als ein mit neuestem Hightech vollgestopftes Multimediafahrzeug. Die Fachleute aus Graz haben aus der simplen Familienkutsche ein rollendes Infotainment-, Büro- und Konferenzzentrum entwickelt. An jedem Sitzplatz befinden sich je ein Monitor, Kopfhörer, Tastatur und Webcam. Die Geräte sind an ein aus vier Industrie-PCs bestehendes Computernetzwerk angeschlossen. Die Passagiere können so unabhängig voneinander ihre Arbeit erledigen oder einen Film sehen, spielen, im Internet surfen und Musik hören. Kein Kabelsalat stört die Aktivitäten, denn Kopfhörer, Mikrophone und Tastaturen sind drahtlos mit den Computern verbunden. Der Sitznachbar wird so nicht bei der Arbeit gestört. Vier DVD-Laufwerke, die bequem in der Fahrzeugkabine bedient werden können, ermöglichen die Benutzung unterschiedlichster Multimediaquellen vom Spielfilm über technisch anspruchsvolle PC-Spiele bis zur Software. Natürlich dürfen auch Drucker, Scanner, Videorekorder und ein TV-Receiver nicht fehlen. Der Anschluss an das Internet ist mittels einer Freisprecheinrichtung für jeden Benutzer im Fahrzeug über das Mobilfunknetz möglich. In der ersten Testphase wird die Verbindung über ein herkömmliches Funknetz gewährleistet, später über die noch in der Entwicklung befindlichen breitbandigen UMTS-Netze (UMTS steht für Universal Mobile Telecommunications Systems). Dabei soll sogar eine breitbandige Satellitendatenübertragung mit einer speziellen Variante von UMTS erprobt werden.
Das genügte den Wissenschaftlern von Joanneum Research aber noch nicht. In dem Chrysler können während der Fahrt Videokonferenzen durchgeführt, gleichzeitig die PCs für andere Aufgaben genutzt oder Daten aus dem Internet heruntergeladen werden.

EGNOS machts möglich

Der EGNOS-Receiver im  Fahrzeug
Der EGNOS-Receiver im Fahrzeug

Um Daten in hoher Qualität auch während der Fahrt senden und empfangen zu können, ist eine drehbare Antenne auf dem Multimediaauto erforderlich, die ständig optimal auf den genutzten Satelliten ausgerichtet werden muss. Das bedingt wiederum die dauernde präzise Ermittlung des Stand- bzw. Fahrortes des Autos. Da handelsübliche GPS-Navigationssysteme dafür zu ungenau sind, haben sich die Forscher aus Graz für einen EGNOS-Empfänger entschieden.
EGNOS – European Geostationary Overlay Service – ist ein Projekt der ESA. Der Service liefert zivilen Anwendern, die auf hochgenaue Navigationsinformationen angewiesen sind, entsprechende Signale mit hoher Genauigkeit und Verfügbarkeit auf Basis der GPS-Informationen. Zur Übertragung an die Empfänger dienen Transponder auf geostationären Satelliten.
In Verbindung mit Magnetometern und Inklinometern an Bord des Fahrzeugs lassen sich der genaue Standort und die Lage bzw. Neigung des Autos ständig ermitteln. Auf Basis dieser Informationen kann die Antenne nun fortlaufend neu ausgerichtet werden.

Der neueste Kick: Satelliten-UMTS

Die Inmarsat-Antenne auf dem Dach
Die Inmarsat-Antenne auf dem Dach des Multimediaautos

Warum interessieren sich die Wissenschaftler der ESA nun für dieses Auto? Bereits heute werden digitale Informationen beliebiger Art (Spielfilme, Hörfunk, Daten, Bilder u.a.) in großem Umfang über Satelliten zu den Endnutzern transportiert. Der Empfang bzw. das Senden ist derzeit aber nur zwischen stationären Anlagen möglich.
Der Trend geht jedoch zu mobilen Anwendungen: Kleine Endgeräte wie Handys oder Taschencomputer sollen in naher Zukunft eine Fülle multimedialer Daten empfangen und senden können. Dazu befinden sich gerade die neuen UMTS-Netze mit großer Bandbreite und hohen Übertragungsgeschwindigkeiten in der Entwicklung. Um derartige Dienste auch in Fahrzeugen oder in Gebieten mit geringer Abdeckung durch Funkstationen weltweit nutzen zu können, bieten sich Satelliten als Relaisstationen geradezu an. Die ESA und die Europäische Kommission haben deshalb frühzeitig Aktivitäten zur Definition und Standardisierung einer Satellitenkomponente von UMTS, dem S-UMTS gestartet. Das terrestrische UMTS kann aufgrund technischer Gegebenheiten bei der Satellitenübertragung nicht ohne Anpassungen genutzt werden. Hauptprobleme sind die geringen Empfangsleistungen und die längeren Signallaufzeiten.

Um die Entwicklung des mobilen Satellitenfunks zu fördern, hat sich 2001 ein europäisches Forum gegründet, die Task Force for Advanced Satellite Mobile Systems. Hieran sind die ESA, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Inmarsat sowie Alcatel, Alenia und Astrium beteiligt.

Das rollende Büro aus Österreich

Der Laderaum des Multimediaautos mit dem PC-Netzwerk
Der Laderaum des Multimediaautos mit dem PC-Netzwerk

Zurück zu unserem Multimediafahrzeug. In einer zweiten Testphase soll erstmals ein unter Federführung der ESA entwickelter Satelliten-UMTS-Empfänger im rollenden Büro erprobt werden. Damit sind Datenraten bis zu 11 Mbit pro Sekunde möglich. Die digitale Übertragung von Spielfilmen und umfangreichen Dokumenten dürfte dann kein Problem mehr sein.

Zum Schluss stellt sich die Frage: Wer braucht eigentlich so ein Wunderding?
Das Fahrzeug wurde als Testplattform konzipiert, um alle aktuellen multimedialen Möglichkeiten erproben zu können. Vermutlich werden Serienfahrzeuge mit einer derartigen umfassenden Ausstattung in naher Zukunft nicht gebaut werden. Rollende Bürofahrzeuge mit beständigen Kommunikationsmöglichkeiten auch während der Fahrt für Reporterteams oder für das Krisen- und Event-Management sind aber durchaus denkbare Lösungen. Die Umsetzung wird man also zunächst nur im gehobenen Segment antreffen. Aber einfachere Teillösungen dürften schon in ein paar Jahren in einer Vielzahl von Privatautos zu finden sein.

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