Weltraummedizin auf Erdkurs

Marc Heppener (ESA, Schwerelosigkeitsforschung)
Marc Heppener, Leiter der ESA-Abteilung "Nutzung der ISS und Förderung der Schwerelosigkeitsforschung"
31 März 2003

Vom 27. bis zum 29. März wandelte sich Berlin kurzzeitig zum Mekka der Weltraummedizin. Spezialisten aus 14 Ländern pilgerten in die Bundeshauptstadt, um an dem „2. Internationalen Fachkongress Fortschritt der Raumfahrtmedizin“ teilzunehmen. Auf der Gemeinschaftsveranstaltung der Europäischen Weltraumagentur ESA, der russischen Luft- und Raumfahrtagentur Rosaviakosmos und des deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt DLR wurden vor allem Entwicklungen aus der Weltraummedizin vorgestellt, die auch auf der Erde erfolgreich genutzt werden können.

Seit Juri Gagarin im Jahr 1961 als erster Mensch das Schwerefeld der Erde hinter sich gelassen hat, wird intensiv untersucht, welche Auswirkungen der Aufenthalt im All auf den menschlichen Körper hat. Und seit mehr als 40 Jahren werden auch Verfahren und Geräte entwickelt, um die Gesundheit der Astronauten zu überwachen und zu erhalten. Bei den verschiedenen Raumfahrtorganisationen entstand so ein enormer Pool an medizinischem und technischem Know-how, das auch neue Wege für die Behandlung von Patienten hier auf der Erde eröffnen kann.

Aus dem All in den Alltag

Im Belastungsanzug "Pinguin" auf der Raumstation MIR
Im Belastungsanzug "Pinguin" auf der Raumstation MIR

Dieses Know-how bekannter zu machen und längerfristig in terrestrische Anwendungen umzumünzen war Ziel der internationalen Tagung in Berlin. Vertreter des Moskauer Instituts für Biomedizinische Probleme (IBMP), der ESA und des DLR stellten Produkte vor, die auf Entwicklungen aus der Weltraummedizin basieren und bereits erfolgreich zur Behandlung irdischer Patienten eingesetzt werden. Rund 100 Wissenschaftler, Ärzte und Experten informierten sich in den Vorträgen und Workshops über Anwendungen und wissenschaftliche Verfahren. Am Rande der Tagung präsentierte eine kleine Ausstellung einige solcher Produkte „zum Anfassen“.

Pinguinanzug gegen Parkinson

Ausgestellt war unter anderem der russische Belastungsanzug „Pinguin“, der inzwischen in der terrestrischen Medizin Erfolgsgeschichte schreibt. Der Anzug, den die Kosmonauten an Bord russischer Orbitalstationen seit Mitte der 70er Jahre tragen, beugt im All dem Muskel- und Knochenschwund vor. Eingearbeitet ist ein Geflecht aus elastischen Bändern, die die Streck- und Beugemuskulatur des menschlichen Skeletts nachbilden. Auf diese Art und Weise sorgt der Anzug in der Schwerelosigkeit dafür, dass die Muskeln der Kosmonauten künstlich belastet werden, sobald sie sich bewegen. Auf der Erde wird der Anzug – in leicht veränderter Form – inzwischen in über 50 Kliniken zur Behandlung von Personen mit Parkinson-Syndrom oder Kinderlähmung eingesetzt. Durch die Belastung des Bewegungsapparates können die motorischen Störungen soweit gemindert werden, dass die Patienten nicht mehr an den Rollstuhl gefesselt sind.

Ost-West-Kooperation

Expertise aus dem All: der Kosmonaut und Mediziner Boris Morukov in Berlin

In einem speziellen Workshop der Tagung wurde auch die mögliche Gründung eines gemeinsamen Zentrums von ESA, DLR und dem russischen IMBP zur Förderung von terrestrischen Spin-Offs der Weltraummedizin erörtert. „Interessanterweise haben wir bei der ESA und die Kollegen vom IMBP unabhängig voneinander mehr oder weniger dieselbe Idee gehabt“ erläutert Marc Heppener, Leiter der ESA-Abteilung "Nutzung der Internationalen Raumstation und Förderung der Schwerelosigkeitsforschung". „Wir haben bei der ESA über eine Einrichtung nachgedacht, die Equipment und neue Behandlungsmethoden promotet und die Industrie dafür interessiert, diese Dinge für den Markt zu entwickeln. Vor ein paar Monaten kam dann das IMBP ganz unabhängig davon mit einem Vorschlag, der in dieselbe Richtung geht.“ Wie der Workshop zeigte, sind alle Beteiligten an einer derartigen Kooperation interessiert. Das Spin-Off-Zentrum könnte als eine Art Marktplatz und Inkubator im Kontakt mit der Wirtschaft fungieren. Es wurde vorgeschlagen, auch die EU und Business-Experten einzubeziehen. „Für uns wäre eine solche Zusammenarbeit äußerst interessant. Die russischen Kollegen verfügen über enormes Wissen. Und sie sind bereit, dieses Wissen weiterzugeben“, so Heppener.

Kontakt:

Für Fragen bezüglich der Europäischen Weltraumorganisation (ESA):

Marc Heppener
Directorate of Human Spaceflight
European Space Agency
Keplerlaan 1
NL-2201 AZ Noordwijk (Niederlande)
Tel.: +31 71 565 5117
Fax: +31 71 565 3661
E-Mail: marc.heppener@esa.int

Für Fragen bezüglich des Moskauer Instituts für Biomedizinische Probleme (IBMP):

Ekaterina Kochueva
Copris GmbH Berlin
Rudower Chaussee 29 (OWZ Gebäude)
12489 Berlin
Tel./Fax: +49 30 6392-6755
E-Mail: congress@copris.com

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