Bianca Hörsch (links) ist als Missionsmanagerin verantwortlich für die Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-2A und -2B
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Im Portrait: Bianca Hörsch - Sentinel Missionmanagerin

28/04/2017 1122 views 14 likes
ESA / Space in Member States / Germany

Die Deutsche Bianca Hörsch ist verantwortlich für den Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-2A und seinen im März gestarteten Zwilling 2B. Hörsch zählt zu den ersten Frauen, die bei der Europäischen Raumfahrtagentur als „Mission Manager“ arbeiten und hat seit über einem Jahrzehnt die Entwicklungen der Erdbeobachtung in der ESA begleitet, nicht zuletzt auch die Open Access Strategie, die Bilder, Videos und Daten von Erdbeobachtungs-, Klima- oder Planetenmissionen für die Wissenschaftsgemeinde und nun auch für Jedermann zugänglich macht.

Bianca Hörsch fällt auf. Beim 1. Social Media Event, zu dem das ESOC Darmstadt Anfang März zum Start des Sentinel-2B lud, sorgte sie nicht nur fachlich, sondern auch optisch für einen Akzent. Im marsroten Hosenanzug und mit silbrig schillernden Sneakers war die Missions-Managerin ein Hingucker. Das passiert öfter. Bei Meetings und Konferenzen sticht sie aus dem Businessgrau und Blau der Kollegen heraus. „Ich versuche Farbe hereinzubringen“, sagt sie lachend – eine weibliche Note in der Raumfahrt- und Satellitentechnik.

Die 45-Jährige arbeitet seit rund 13 Jahren im Esa-Erdbeobachtungszentrum ESRIN im italienischen Frascati, hält jedoch als Missionsleiterin seit dem Start- und der frühen Orbit-Phase (LEOP) von Sentinel-2 engen Kontakt zu den Kollegen im ESOC in Darmstadt, die den Satelliten steuern. Sie zieht eine positive Bilanz: „Wir hatten sehr schnell erste Bilder des Satelliten. Die Instrumente funktionieren, alles läuft bisher sehr gut.“ Seit dem 28. März hat Sentinel-2B seinen Referenzorbit in 786 Kilometer Höhe erreicht und umrundet, genau 180 Grad versetzt zur Zwillingssonde 2A, die Erde. Derzeit fährt das Team eine Datenkontrolle und testet alle Funktionen des multispektralen Instrumentes, das künftig im Fünf-Tage-Rhythmus den gesamten Planeten, inklusive der Antarktis, vermessen soll. 

Der Start von Sentinel-2B mit einer Vega-Rakete am 7. März 2017
Der Start von Sentinel-2B mit einer Vega-Rakete am 7. März 2017

Die Systeme werden langsam hochgefahren, ab November soll Sentinel-2B dann in den Routinebetrieb gehen und Erdbeobachtungsdaten in höchster Auflösung und Präzision liefern – für die Landnutzung, die Vegetationsveränderungen, Land- und Forstwirtschaft, für die Beobachtung der Wasserqualität von Seen und Küstengewässern. Das sind wichtige Indikatoren für den Klima- und auch Katastrophenschutz. Die Sentinel-Orbiter 1, 2 und 3 sind Teil des Copernicus-Erdbeobachtungsprogramms. Copernicus ist ein Gemeinschaftsvorhaben der Europäischen Kommission und der ESA zur Sammlung, Aufbereitung und gezielten Auswertung von Fernerkundungsdaten der Erde. Es gilt – nach dem europäischen Satellitennavigationssystem Galileo – als zweites Flaggschiff europäischer Weltraumpolitik.

Die Sentinel-Mission nimmt derzeit 90 Prozent der Arbeit von Bianca Hörsch in Anspruch

Auf der Sentinel-Mission, berichtet Hörsch, liegt derzeit ihr Hauptaugenmerk. „Das nimmt 90 Prozent meiner Arbeit in Anspruch.“ Die gebürtige Rheinländerin teilt ihren beruflichen Werdegang gerne in zwei Hälften: „Im Leben vor der Esa“, scherzt sie, hat sie in Bonn Geografie studiert, mit Schwerpunkt Fernerkundung, Meteorologie und Geologie. Hörsch hat 1991 Abitur gemacht und in dieser Zeit kamen die ersten ökologisch orientierten Studiengänge auf. „Ich wusste schon in der Schule, dass ich in Richtung Umweltschutz gehen wollte.“ Das renommierte Geografische Institut der Uni Bonn lag direkt vor der Haustüre und so entschied sie sich für ein Geografie-Studium. Über das Thema Biodiversität und Fernerkundung kam sie schließlich in Kontakt mit Satellitendaten und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) im benachbarten Köln. Ihre Diplom- und auch ihre Doktorarbeit entstanden am DLR zum Thema Fernerkundung. 

Vier Jahre arbeitete sie nach dem Studium als Projektleiterin am deutschen Raumfahrtzentrum, unter anderem für Forschungsvorhaben zur Biodiversität in Namibia und Südafrika. Sie war bei Feldversuchen vor Ort, „auf allen vieren bin ich durch die Wüste gerobbt“, erzählt sie. Erdbeobachtung aus der Ferne und Nähe hat die Geografin also von der Pike auf gelernt. 2004 schließlich bewarb sie sich bei der Esa und wechselte ins Erdbeobachtungszentrum ESRIN in der Nähe von Rom. Internationalität, sagt Bianca Hörsch, habe sie immer gereizt. Ein Jahr hat sie bereits mit Stipendium in London studiert. 

Bianca Hörsch war an mehr als 25 Kooperationsprojekten und sogenannten Third Party Missions beteiligt

 

Bei der Esa arbeitet die 45-Jährige auf Management-Ebene seit über einem Jahrzehnt daran, dass die Wissenschafts- und Nutzergemeinde einen schnellen und unkomplizierten Zugang zu Erdbeobachtungsdaten erhält. Seither war sie an mehr als 25 Kooperationsprojekten und sogenannten Third Party Missions beteiligt, etwa Landsat, den Erdbeobachtungsorbitern der NASA oder den japanischen ALOS-Satelliten.  

Impressionen vom #Sentinel2Go SocialSpace Event anlässlich des Starts von Sentinel-2B
Impressionen vom #Sentinel2Go SocialSpace Event anlässlich des Starts von Sentinel-2B

An ihrer eigenen Akademiker-Vita kann Bianca Hörsch nachvollziehen, wie groß die Errungenschaften im Bereich Satellitentechnik und Datenpolitik sind, die in den vergangenen Jahren erzielt wurden.

Natürlich gab es zur Zeit ihrer Promotion Erdbeobachtungssatelliten, aber die lieferten keine Bilder und Daten in heutiger Präzision und wenn doch, waren sie unerschwinglich für Doktoranden. „Die Sentinel-Satelliten sind ein wahnsinniger Fortschritt“, betont Hörsch. Die Bilder von Sentinel-2 werden von 13 Spektralkanälen in einer Auflösung von zehn Metern aufgenommen. Einzelne große Bäume, Häuser, Felder oder Feldgrenzen sind zu erkennen. Die Orbiter vermessen heute die Erde in fünf Tagen, damals brauchten sie einen halben oder manchmal sogar fast einen Monat. Als sie promovierte, war es schwer an Erdbeobachtungsdaten heranzukommen. „Ich musste für meine Doktorarbeit noch richtig Klinken putzen gehen“, erinnert sich die Geografin. Zumeist bei Firmen oder Institutionen, die die Satellitenaufnahmen kommerziell nutzten und für eine Bereitstellung Geld verlangten. „Zu der Zeit konnte man nur die Daten auswerten, die man sich leisten konnte. Heute gibt es eine offene Datenpolitik und unbeschränkten Zugriff.“ Erdbeobachtungsdaten können im Internet problemlos heruntergeladen werden. „Ein Paradigmenwechsel“, betont die Wissenschaftlerin. 

Open Access-Strategie: Über 70000 registrierte Nutzer weltweit rufen die Daten der Sentinel-Satelliten bereits ab

 

Die Esa verfolgt eine Open Access-Strategie für Bild und Videomaterial sowie ausgewählte Datensätze, die eine umfassende und regelmäßige Nutzung des Materials durch eine breite Öffentlichkeit, Medien, den Bildungssektor und Weltraum-Interessierte erleichtert. Der Wissensschatz soll mit allen geteilt werden. 70 000 registrierte Nutzer weltweit rufen die Daten der Sentinel-Satelliten 1,2 und 3 bisher ab. „Tendenz steigend“, berichtet Hörsch. Seit der Inbetriebnahme von Sentinel-2A im Dezember 2015 hat die Esa mehr als sechs Millionen Produkte des Satelliten verteilt.

Ein Produkt besteht aus einem 100 mal 100 Kilometer großen Gebiet auf der Erde, in 13 „Farben“ aufgenommen. Über ein grafisches Nutzer Interface können Interessierte für eine bestimmte Region oder einen bestimmten Zeitrahmen individuell gewünschte Daten und Bilder herunterladen. Nutzer können neben den Copernicus Diensten wissenschaftliche Institute sein, Doktoranden oder eben Privatleute, die sich für schöne Satellitenbilder interessieren, sagt Hörsch.

Die Sentinel-2-Satelliten liefern Bilder von der Erde in nie zuvor dagewesenem Detail
Die Sentinel-2-Satelliten liefern Bilder von der Erde in nie zuvor dagewesenem Detail

Seit dem Social Media Event in Darmstadt zum Start von Sentinel-2B hat das Interesse nochmals zugenommen. Über 20 Millionen Leser erreichten die rund 100 Social Media Gäste des ESOC mit ihren Tweets, Blogs oder Youtube-Videos im März. „Das hat einen großen Schub ausgelöst“, sagt Hörsch. Der Nutzer-Anstieg ist seither nochmals höher als ohnehin schon. Statt vormals durchschnittlich 250 000 Produkt-Downloads pro Woche sind es nun mehr als 400 000 (Stand März 2017).

Seit dem Start von Sentinel-2B ist die Zahl der Nutzer pro Woche von rund 1000 auf mehr als 1500 neue Nutzer gestiegen. Weil die Daten frei verfügbar sind, schießen neue Anwendungen, Apps oder Internet-Portale wie „Pilze aus dem Boden“, so die Esa-Managerin. „Es eröffnen sich wirklich tolle Möglichkeiten, Erdbeobachtungsdaten an die Nutzer zu bringen“, freut sich Hörsch. Da wird es schon eher zu einer neuen Herausforderung, aus der Flut an Daten die relevanten auszuwählen.

Privat verbringt Bianca Hörsch ihr Leben zwischen Italien und Deutschland, Ihr Lebensgefährte arbeitet bei der ESA in Darmstadt. Neben Triathlon als sportlichem Ausgleich hat die passionierte Fotografin auf privaten und Dienstreisen immer ihre Kamera im Anschlag. Gerne macht sie Aufnahmen zeitgleich mit „ihren“ Satelliten, wenn sie zufällig zur gleichen Zeit über den gleichen Ort fliegen.    

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