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Klinikum Benjamin Franklin
Terrestrische Raumstation: das Klinikum Benjamin Franklin in Berlin
Virtuelle Marsflug-Crew startet in Berlin
 
17 Februar 2003
Am 16. Februar brachen die ersten vier „terrestrischen Astronauten“ im Berliner Uniklinikum Benjamin Franklin zu einem ungewöhnlichen Flug auf. Den handverlesenen jungen Männern stehen 56 Tage strikte Bettruhe zur Vorbereitung einer bemannten Marsmission bevor. Die Bettruhestudie des Berliner Zentrums für Muskel- und Knochenforschung (ZMK) wird in Zusammenarbeit mit der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA und anderen Forschergruppen durchgeführt. Im Focus der Untersuchungen stehen die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf Muskulatur und Knochen.
 
Die unter mehr als 400 Bewerbern ausgewählten Probanden mussten sich in einer harten psychologischen und medizinischen Auswahl bewähren, bevor sie schließlich ihre Zweibett-Zimmer in der virtuellen Raumstation hoch oben im Berliner Universitätsklinikum Benjamin Franklin beziehen konnten. Dort werden sie bis zum 13. April ein streng geregeltes Leben in der Horizontalen führen: Kein Aufstehen, keine persönlichen Kontakte, Daueruntersuchungen, Sonderdiät und jede Menge leere Zeit. Kein Zuckerschlecken also, vor allem dann nicht, wenn draußen der Winter weicht, das erste Grün sprießt und die Frühlingsgefühle erwachen. Aber die Vier sind hochmotiviert und fest entschlossen, ihr Bestes zu geben. Echte Astronauten eben.  
 
Die erste BedRest-Crew vor dem Start
Die erste Bedrest-Crew vor dem Start
Raumfahrer-Quartett auf virtueller Marsmission
 
„Der Weltraum hat mich schon als Kind fasziniert. Bereits damals wollte ich Kosmonaut werden. Für den ganz großen Trip ins All ist es zwar zu spät, aber so kann ich etwas zur Thematik interplanetarer Raumflüge beitragen“, erklärt der 32-jährige Ulf Gast, der unlängst sein Jurastudium abgeschlossen hat. Auch der 28-jährige Fahrzeugbauer und Weltraumfan Marten Strübing möchte „einen Beitrag dazu leisten, dass eine Mars-Mission in ein paar Jahren möglich ist“. Und der 30-jährige Thorsten Weber hat schon von Berufs wegen Erfahrung mit der Schwerelosigkeit: Als Tauchlehrer ist ihm der Aufenthalt in extremen Umgebungen bestens vertraut. Der vierte im Probanden-Quartett ist André Beau, 32. Der Taxifahrer in spe ist begeistert, dass er dabei sein kann: „Hier mitzuhelfen ist eine totale Ehre.“

Alle Vier sind fest entschlossen, die zwei Monate im Bett durchzustehen, um zu helfen, den ersten bemannten Marsflug vorzubereiten. Bei Langzeitflügen in der Schwerelosigkeit bilden sich Muskeln und Knochen der Astronauten zurück. Auch die vier terrestrischen Astronauten im Bett werden mangels körperlicher Belastung an Muskel- und Knochenmasse verlieren. Das wissenschaftliche Team um den Studienleiter Professor Dieter Felsenberg vom ZMK kann an ihnen den absehbaren Muskel- und Knochenverlust im All studieren und ein geeignetes Aufbautraining erproben. Schließlich dürfen die ersten Marspioniere nicht mit schlaffen Muskeln und spröden Knochen im Schwerefeld des Roten Planeten ankommen und sich beim Ausstieg möglicherweise verletzen. „Dort oben gibt’s keinen Doktor“, so der Studienkoordinator Dr. Jörn Rittweger, „also müssen wir die Gegenmaßnahmen im Vorhinein entwickeln“.
 
 
Probetraining für die Medien: Thorsten Weber am Galileo-Vibrationstrainer
Fünf Bedrest-Missionen
 
Im Rahmen der Berliner Studie sollen insgesamt 20 männliche Testpersonen zwischen 25 und 45 Jahren jeweils für acht Wochen ins Bett. „Wir können natürlich nicht alle 20 Kandidaten auf einmal untersuchen. Das übersteigt unsere Kapazität“, erläutert der Osteoporose-Forscher Felsenberg. „Deswegen wird die ganze Gruppe eingeteilt in fünf Perioden mit jeweils vier Kandidaten“. Der jetzt gestarteten Bedrest-Crew sollen also vier weitere folgen. Die letzte Vierer-Crew wird die terrestrische Raumstation erst Anfang März 2004 verlassen. Die Kandidatenauswahl für die künftigen Vierer-Teams läuft weiter. Die Studienteilnehmer werden in zwei Gruppen unterteilt. Eine Gruppe trainiert im Liegen mit einem neuartigen Vibrationsgerät zum Muskel- und Knochenaufbau, die zweite Gruppe hat – als Kontrollgruppe – nur eine Aufgabe: Unter allen Umständen liegen bleiben und körperlich nichts tun.
 
 
Reinhold Ewald, Astronaut of the European Space Agency (ESA)
ESA-Astronaut Dr. Reinhold Ewald
Viel Freizeit im Bett
 
Den vier terrestrischen Astronauten steht zwar jeden Tag ein mehrstündiges Untersuchungs- und Trainingprogramm bevor, dennoch bleibt viel freie Zeit, die gefüllt sein will. Das ZMK stellt jedem Telefon, ein eigenes Fernsehgerät und einen PC mit Internetanschluss zur Verfügung. Aber auch die Probanden selbst haben vorgesorgt. Neben Konsolen für Computerspiele haben sie vor allem jede Menge Bücher eingepackt. Körperlich immobilisiert setzen die erdgebundenen Marsflieger auf einen beweglichen Geist: Ulf Gast hat sich vorgenommen, Spanisch zu lernen. Und Thorsten Weber möchte seine Englischkenntnisse auffrischen.

Für den Fall, dass die langen Tage den Durchhaltewillen schwächen, hat der ESA-Astronaut Reinhold Ewald einen Tipp parat. „Lassen Sie sich doch mal nachts Ihr Bett ans Fenster rollen“, empfiehlt der weltraumerfahrene Physiker den vier Testpersonen. „Bei klarem Himmel sehen Sie dann vielleicht die Internationale Raumstation vorbeifliegen. Dann wissen Sie, worum es geht.“
 
 

 
 
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