Envisat beobachtet Schwarze Sturmflut

ASAR-Radaraufnahme des Unglückgebiets vom 17. November
26 November 2002

Mehrere Ölteppiche des vor einer Woche gesunkenen Tankers Prestige treiben im Atlantik und bedrohen Europas Küsten. Inzwischen ist die Küste Galiziens über Hunderte von Kilometern ölverseucht. ESA-Spezialisten erarbeiteten für den neuen Umweltsatelliten Envisat ein Spezialprogramm zur Beobachtung der Ölkatastrophe. Das Radaraufzeichnungssystem ASAR ist nun speziell auf die Schwarze Sturmflut gerichtet.

Wegen der drohenden Ölpest hat Envisat am 17. November das Unglücksgebiet mit seinem hochauflösenden Radarinstrument ASAR unter die Lupe genommen. Die dabei gewonnenen Daten wurden in der nahe Rom gelegenen ESA-Niederlassung ESRIN in Bilder umgesetzt. Seit den 90er Jahren ist ESRIN das Datenkontroll- und verarbeitungszentrum der ESA für Aufgaben der Erdbeobachtung. Hier werden auch Bilder und Daten französischer, amerikanischer, russischer und japanischer Erderkundungssatelliten genutzt. Dabei koordiniert ESRIN den Datenempfang von mehr als 30 Bodenstationen in aller Welt.

Bei der Beobachtung der Ölkatastrophe kann das hochmoderne ASAR-Radarsystem von Envisat seinen größten Vorteil voll ausspielen: Es ist tageszeit- und wolkenunabhängig. Und so gelangten am 17. November trotz schwerer Unwetter und dichter Wolkendecke gestochen scharfe Bilder der Region, die das Ausmaß des Umweltschadens erahnen ließen.

Erste Satellitenbilder vom Umwelt-GAU

Ein weiterer Blick Envisats auf den Ölteppich vor la Coruña

Die obenstehende Aufnahme zeigt den 26 Jahre alten Öltanker Prestige als weißen Punkt etwa 100 km vor der Küste. Die kleineren weißen Punkte um die Prestige herum sind Hilfsschiffe und Schlepper. Der gewaltige Ölteppich erscheint deutlich als dunkle Schliere, die sich ausgehend von dem havarierten 240-Meter-Schiff bis zur Nordwestküste Spaniens erstreckt.

Öl auf der Meeresoberfläche dämpft kleinere Wellen, die vom Wind erzeugt werden. Ebendiese Wellen reflektieren das von dem ASAR-Instrument abgestrahlte Mikrowellen-Radarsignal. Durch Dämpfung der Wellen wird also ein schwächeres Signal zurückgestrahlt, das Envisat in 800 km Höhe empfängt. Bei der Umrechnung der Radardaten in Bilder erscheinen Ölteppiche deshalb dunkler als die ölfreie Meeresoberfläche.
Wie die zerfaserte dunkle Schliere auf den Aufnahmen zeigt, haben starke Winde den Ölteppich im Unglücksgebiet am 17. November bereits weiträumig verteilt. Der Teppich schneidet zudem eine vielbefahrene Schifffahrtsroute: Die zahlreichen Schiffe sind auf dem Bild als weiße Punkte erkennbar. Wo sie ölverseuchtes Gebiet durchqueren, zeigt sich ihr Kielwasser als heller Strich in der dunkleren Ölschicht.

Chronologie einer Katastrophe

Ausschnittvergrößerung der ASAR-Aufnahme vom 17. November

Am 13. November riss in spanischen Küstengewässern der Rumpf des einwandigen Großtankers Prestige auf, der von Lettland nach Gibraltar unterwegs war. Der mit 77 000 Tonnen stark schwefelhaltigen Schweröls beladene Oldtimer verlor Tausende Tonnen seiner giftigen Fracht. Schlepper versuchten, den Havaristen auf die offene See zu ziehen, um eine Umweltkatastrophe im Küstengebiet zu verhindern. Am 19. November mussten sie aufgeben: Die 1976 in Japan gebaute Prestige zerbrach etwa 250 Kilometer vor der spanischen Küste und sank. Zurück blieb ein Ölteppich von gewaltigen Ausmaßen.

Der havarierte Öltanker Prestige hinterlässt eine kilometerlange Ölspur

Insgesamt sind seit der Havarie etwa 20 000 Tonnen Schweröl ausgetreten, die nach Unwettern mehr als 500 Kilometer Küste verseucht haben. Und in dem untergegangenen Tanker Prestige lagern in 3600 Meter Tiefe weitere 60 000 Tonnen. Im besten Fall verfestigt sich das Öl dort unten durch die Kälte des Tiefenwassers. Im schlimmsten Fall bersten die maroden Tanks am Meeresboden und das Öl gelangt an die Oberfläche. Dann droht eine weit verheerendere Ölpest als nach der Havarie der Exxon Valdez 1989 in Alaska.

Internationale Unterstützung aus dem All

Ölverseuchter Strand in Arteixo an der spanischen Nordwestküste

Die Umweltspäher der ESA, Envisat und ERS 2, werden in den kommenden Wochen weitere Bilder von der Krisenregion liefern. Am 14. November hat die Abteilung für Zivilschutz und Umweltkatastrophen der EU-Kommission die „International Charter on Space and Major Disasters“ aktiviert. Die Unterzeichner dieses 1999 abgeschlossenen internationalen Abkommens verpflichten sich, im Katastrophenfall unter humanitären Aspekten unbürokratisch Hilfe zu leisten. Mitglieder können Agenturen, Organisationen oder Firmen werden, die über Fernerkundungs-Ressourcen verfügen und diese gratis bereitstellen. Die Mitgliedschaft ist freiwillig. Mitglieder sind bislang die Europäische Raumfahrtagentur ESA (ERS, Envisat), die nationalen Agenturen Frankreichs (CNES – SPOT), Kanadas (CSA – RadarSat), Indiens (ISRO – IRS), Deutschlands (DLR – BIRD) sowie die amerikanische Wetterbehörde NOAA (POES, GEOS). Durch die Aktivierung des Abkommens können nun für das Krisenmanagement und die Aufräumarbeiten in der ölverseuchten Region Daten der wichtigsten Fernerkundungs-Satelliten herangezogen werden. Die Erdwächter der ESA, Envisat und ERS 2, sind dort draußen also nicht allein.

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