Schöner Wohnen jenseits des blauen Planeten

Wohnen im Orbit: Das Mars-Haus
1 März 2007

Ein neues Arbeitsfeld gewinnt zunehmend an Bedeutung: Weltraumarchitektur. Je länger die Aufenthalte für Raumfahrer im All werden, desto zwingender stellt sich die Frage nach einer menschengerechten Lebens- und Arbeitsumgebung in dieser Extremwelt. Die ESA interessiert sich für Projekte von Architekten mit visionären Entwürfen für Raumschiffe, Orbitalstationen und Basen auf dem Mond und dem Mars.

Maschinenlärm, bis die Ohren rauschen, kaum Platz, sich zu bewegen, steriles Kunstlicht in technischer Umgebung, kein bisschen Privatsphäre und hinter dünnen Wänden lauert das tödliche Nichts – das Leben in Raumschiffen und Orbitalstationen ist alles andere als ein Zuckerschlecken.

Auf Kurzzeitflügen kommen die Besatzungen noch damit klar, ihre menschlichen Bedürfnisse hintanzustellen und sich den Anforderungen der Maschinenumgebung zu beugen. Bei Langzeitmissionen aber ist es wichtig, dass sich die Astronauten als Menschen und nicht nur als Rädchen im Getriebe der Maschine fühlen.
Sowohl Raumschiffe und Raumstationen als auch zukünftige Mond- und Planetenbasen dürfen deshalb nicht nur Überlebensraum sein. Sie müssen für die Besatzungen, die Monate und vielleicht Jahre dort verbringen, zum Lebensraum werden, der auch ihre Bedürfnisse berücksichtigt. Hier sind neben Ingenieuren und Technikern vor allem kreative Architekten gefragt. „Nur das aktive Mitwirken der Architekten von Anfang an wird eine erfolgreiche Planung und Durchführung bemannter Langzeitmissionen möglich machen“, meint die Weltraumarchitektin Vera Martinez von der TU Darmstadt.

Weltraumarchitektur: Arbeit an der Grenze des Machbaren

Rollendes Mondhabitat TYCHO

Weltraumarchitekten und -designer stehen dabei vor einer schwierigen Aufgabe:
Sie müssen Lebensräume entwerfen, die den technischen und wissenschaftlichen Erfordernissen der Mission gerecht werden und den Astronauten zugleich ein möglichst angenehmes Leben und Zusammenleben ermöglichen.
Außerdem müssen die Entwürfe ein reibungsloses Zusammenspiel von Raumfahrern und Bordsystemen im Auge haben. Und dies alles unter optimaler Ausnutzung von Raum, Material und Ressourcen, die im All nicht mit Gold aufzuwiegen sind. Weltraumarchitektur ist damit immer auch gestalterische Arbeit an der Grenze des Machbaren.

Aus den Erfahrungen der Raumfahrer lernen

Am meisten können die Architekten und Designer von den Astronauten selbst über die Bedürfnisse im All lernen. Vor allem die Erfahrungen der Langzeitbesatzungen, die seit dem Jahr 2000 auf der Internationalen Raumstation ISS Dienst tun, liefern hier wertvolle Informationen.

So haben beispielsweise der Schweizer Architekt Andreas Vogler und sein Team an der TU München anhand von Gesprächen mit Astronauten ein spezielles Weltraumbett, einen Laptop-Tisch und eine Duschanlage für den Einsatz in der Schwerelosigkeit entwickelt.
Und die Wiener Weltraumarchitektin Barbara Imhof plädiert dafür, Raumschiffe auf Langzeitmissionen mit virtuellen Fenstern auszustatten. Denn die Astronauten im Erdorbit verbringen erwiesenermaßen nahezu 80 Prozent ihrer Freizeit damit, aus dem Fenster auf die Erde zu schauen. „Wenn man den Sichtkontakt zur Erde verliert, sind virtuelle Fenster ganz wichtig. Ich könnte mir virtuelle Landschaften und Umgebungen vorstellen, die sich verändern und für Abwechslung sorgen“, so Imhof.

Konzepte für bemannte Mond- und Marsstationen

Leben auf dem Mond

Mit ihrem visionären Aurora-Programm hat die ESA den Weg zur weiteren Erforschung des Sonnensystems vorgezeichnet. Zur Erkundung des Roten Planeten ist für 2013 die Mission ExoMars geplant, bei der ein europäischer Hightech-Rover unseren Nachbarplaneten nach Lebensspuren absuchen soll. Langfristig aber wird sicherlich der Mensch selbst seinen Fuß auf den Roten Planeten setzen.

Doch vor dem Flug zum Mars steht erst einmal die ständige Präsenz des Menschen auf dem Erdtrabanten an. Hierfür sind permanente Habitate – Wohneinrichtungen – auf dem Mond notwendig. Diese dienen zugleich als Testfeld und Ausgangsbasis für bemannte Langzeitmissionen zum Mars.

Wie aber sieht eine optimale Mond- oder Marsstation aus? Allein im deutschsprachigen Raum sind zahlreiche Architekten und Architekturstudenten seit einigen Jahren mit dieser Frage beschäftigt. So haben beispielsweise Wissenschaftler und Architekten der Technischen Universitäten von Darmstadt und München 2005 gemeinsam die interdisziplinäre Habitatentwicklungsgruppe „Human Astronautic Architecture Lab“ (HAAL) eingerichtet, um künftige bemannte Missionen mitzugestalten. Erstes HAAL-Projekt ist die detaillierte Planung von Mondstationen.
Und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich haben Architekturstudenten 2006 in Zusammenarbeit mit dem ESA-Astronauten Claude Nicollier Weltraumhabitate entwickelt.

Auch die TU Wien ist ein Hort der Weltraumarchitektur: 2002 haben Wiener Studenten im Rahmen des LUNAR BASE DESIGN WORKSHOP am Europäischen Raumfahrtforschungs- und Technologiezentrum ESTEC Konzepte für Mondhabitate entwickelt. Und derzeit läuft an der TU Wien das von der ESA unterstützte Projekt „Lunar Exploration Architecture“. Dabei untersucht ein interdisziplinäres Team Faltstrukturen aus der Natur und prüft deren potenzielle Anwendbarkeit für die Konstruktion einer Mondstation. Spätestens wenn die Ergebnisse dieses Projekts vorliegen, werden wir erfahren, was Insektenflügel und Blütenblatter zum Bau von Mondstationen beitragen können.

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