Die ESA-Astronautenreserve schließt ihr Ausbildungsprogramm ab
Die Mitglieder der ESA-Astronautenreserve haben ihr Ausbildungsprogramm (Astronaut Reserve Training, ART) abgeschlossen und damit einen wichtigen Meilenstein für die europäischen Bestrebungen im Bereich der astronautischen Raumfahrt gesetzt.
Seit Ende 2024 haben die Mitglieder der Reserve Sara García Alonso aus Spanien, Meganne Christian und John McFall aus Großbritannien, Anthea Comellini und Andrea Patassa aus Italien, Carmen Possnig aus Österreich, Arnaud Prost aus Frankreich, Amelie Schoenenwald aus Deutschland und Aleš Svoboda aus Tschechien in drei Ausbildungsblöcken zu je etwa zwei Monaten ein breites Spektrum an Fähigkeiten in technischen, operativen und wissenschaftlichen Bereichen erworben.
Im Rahmen eines gestaffelten Vorgehens trainierten sie in bestimmten Phasen in kleineren Gruppen, bevor sie in entscheidenden Phasen wieder gemeinsam trainierten. In der letzten Phase im Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln kamen alle Mitglieder der Reserve erneut zusammen.
Dieser Meilenstein markiert den Übergang von der Ausbildungsphase zur Einsatzbereitschaft, sodass sie nun bereit sind, ESA-Missionen zu unterstützen, sobald sie dazu aufgefordert werden.
Von der Ausbildung bis zur Einsatzbereitschaft
Das ART-Programm, das auf Modulen der Grundausbildung für Astronaut*innen der ESA basiert, begann im Oktober 2024 mit einem Schwerpunkt auf den Kernkompetenzen von Astronaut*innen. In dieser Anfangsphase erwarben die Mitglieder der Astronautenreserve Grundkenntnisse über die Programme der ESA und der Internationalen Raumstation sowie über die europäische Raumfahrtindustrie und -institutionen. Weitere wichtige Bereiche waren menschliches Verhalten und Leistungsfähigkeit, eine medizinische Ausbildung, wissenschaftliche Operationen und Raumfahrzeugsysteme, einschließlich Flugtechnik sowie Lebenserhaltungssysteme.
Außerdem erhielten sie eine Einführung in die Robotik und machten sich durch Tauchgänge in der Neutral-Buoyancy-Pool, in der unter Wasser die Schwerelosigkeit simuliert wird, mit Außenbordaktivitäten vertraut. Das wissenschaftliche Training umfasste Biologie und Labortechniken. Darüber hinaus erhielten die Teilnehmenden physisches Training und wurden in Öffentlichkeitsarbeit geschult.
Die Gruppe absolvierte zudem Überlebenstraining unter winterlichen Bedingungen, um sich auf extreme Umgebungen vorzubereiten, denen sie möglicherweise ausgesetzt sein könnte, falls ihr Raumfahrzeug an einem abgelegenen Ort landen sollte.
Fähigkeiten fächerübergreifend ausbauen
In der nächsten Phase, von Anfang September bis Ende Oktober 2025, kamen beide Gruppen für ein achtwöchiges gemeinsames Training am EAC zusammen. Der Schwerpunkt wurde auf die Planung und Durchführung von Weltraummissionen ausgeweitet und umfasste Themen wie Antriebstechnik, Orbitalmechanik und Raumfahrzeugsysteme.
Im weiteren Verlauf des Trainings lag der Fokus auf dem Leben an Bord der Internationalen Raumstation, einschließlich der Abläufe an Bord, der Durchführung von Experimenten sowie der Nutzung von Kameras und Videogeräten. Szenariobasierte Übungen und Teamarbeit gewannen zunehmend an Bedeutung und stärkten die Koordination sowie die Entscheidungsfindung unter Druck.
Auf dem Programm standen außerdem Überlebenstraining auf See, Brandbekämpfungsübungen sowie weitere Übungen im Neutral-Buoyancy-Pool, um die Reserve-Mitglieder auf Notfallsituationen vorzubereiten und ihnen die Grundlagen für Außenbordeinsätze zu vermitteln.
Die wissenschaftliche Ausbildung wurde durch Module zur menschlichen Physiologie, zur Weltraumforschung und zu Nutzlasten vertieft, während Schulungen zu Medien und Kommunikation sie in ihrer Rolle als öffentliche Repräsentant*innen der ESA unterstützten. Veranstaltungen zu Weltraumrecht und -politik vermittelten zusätzliche Einblicke in das breitere Umfeld der Raumfahrt.
Ein Höhepunkt des Programms war die Verleihung der Patches, die am Ende des zweiten Ausbildungsblocks im September 2025 stattfand.
Der letzte Trainingsblock
Der dritte und letzte Trainingsblock am EAC begann im März 2026 mit weiteren acht Wochen gestaffeltem Training in zwei Gruppen. Das Training umfasste zusätzliche Einheiten im Neutral-Buoyancy-Pool, zu den Systemen der Raumstation, zur Kommunikation und zu den Abläufen an Bord sowie Robotiktraining unter Einsatz von Virtual Reality, um ein räumliches Verständnis für Systeme wie den Canadarm2 -Roboterarm der Raumstation zu entwickeln.
Die Mitglieder der Reserve erhielten zudem Einblicke in den Startablauf und den gesamten Missionszyklus sowie eine wissenschaftliche und erdbeobachtungsbezogene Schulung zur Unterstützung der Arbeit im Orbit. Zusammen trugen diese Elemente dazu bei, ihr Wissen zu festigen und alle auf einen einheitlichen Kenntnisstand zu bringen.
Mit dem Abschluss des ART-Programms bildet die Astronautenreserve der ESA nun einen flexiblen Pool ausgebildeter Fachkräfte, die über die Fähigkeiten, das Wissen und die Teamfähigkeit verfügen, die erforderlich sind, um durch Missionen in der erdnahen Umlaufbahn, im kommerziellen Raumflug und bei künftigen Erkundungsmissionen jenseits der Erdumlaufbahn einen Beitrag zu den europäischen Zielen im All zu leisten.
Mitglieder der Astronautenreserve der ESA blicken auf ihre Ausbildung zurück
Sara García Alonso
Rückblickend fällt vor allem auf, wie alles miteinander verbunden ist – von der wissenschaftlichen Forschung bis hin zum operativen Einsatz. Es war eine besondere Herausforderung, in kurzer Zeit eine so riesige Menge an Wissen aus so vielen verschiedenen und unterschiedlichen Disziplinen aufzunehmen. Doch was diese Erfahrung wirklich unglaublich gemacht hat, waren die Menschen. Von meinen Astronautenkolleg*innen und Ausbilder*innen bis hin zu den Praktikant*innen und dem gesamten EAC-Team – jede Phase fügte ein neues Puzzleteil hinzu. Am Ende wird einem wirklich bewusst, wie der eigene Hintergrund zu einer viel größeren Mission beiträgt. Das ist eine sehr wertvolle Erkenntnis.
Meganne Christian
Diese Schulung bot einige echte Höhepunkte, darunter das Robotik-Training und das „Move Dive“-Training an einem Modell im Neutral Buoyancy Pool. Das Beste daran war jedoch, dass ich all das mit meinen Kollege*innen teilen konnte. Wir haben voneinander gelernt, Erfahrungen ausgetauscht und sind zu einem starken Team zusammengeschweißt. Es ist aufregend, mich nun bereit zu fühlen, einen wichtigen Beitrag zu zukünftigen Missionen zu leisten.
Anthea Comellini
Teil der Astronautenreserve der ESA zu sein, ist eine unglaubliche Chance. Die Ausbildung ist zwar intensiv, aber äußerst lohnenswert, da sie nicht nur Fähigkeiten für die Raumfahrt vermittelt, sondern uns auch dazu herausfordert, uns persönlich weiterzuentwickeln. Es war eine Gelegenheit, mehr über uns selbst zu erfahren, über unsere Grenzen hinauszuwachsen und stolz auf das zu sein, was wir erreichen können. Die Zusammenarbeit in einer so vielfältigen Gruppe hat diese Reise noch bedeutungsvoller gemacht und unser Bewusstsein dafür gestärkt, wie wir zur Zukunft Europas im Weltraum beitragen können.
John McFall
Dieses Programm macht wirklich deutlich, wie viele verschiedene Elemente bei der astronautischen Raumfahrt zusammenkommen. Von der Wissenschaft über den Betrieb bis hin zur Kommunikation – alles spielt eine Rolle. Zu lernen, diese Aspekte miteinander zu verbinden, war ein wichtiger Teil dieser Erfahrung.
Andrea Patassa
Bei dieser Ausbildung ging es um kontinuierlichen Fortschritt. Jeder Abschnitt brachte neue Herausforderungen und Fähigkeiten mit sich, aber dank unserer vielfältigen fachlichen Hintergründe konnten wir uns gegenseitig ergänzen und von unseren Kommiliton*innen ebenso viel lernen wie von den Lehrkräften. Wir freuen uns nun darauf, das Gelernte in die Praxis umzusetzen!
Carmen Possnig
Am Ende des ART-Programms spürt man einen echten Wandel vom Lernen hin zur praktischen Anwendung. Da ich selbst in extremen Umgebungen auf der Erde gearbeitet habe, bin ich mir des Mehrwerts dieser Ausbildung und ihres bedeutenden Beitrags zur Vorbereitung auf den Weltraum bewusst. Ob bei Überlebensübungen oder in operativen Szenarien – entscheidend ist, anpassungsfähig zu bleiben und eng als Team zusammenzuarbeiten. Das ART-Programm vereint diese Elemente auf sehr gezielte Weise.
Arnaud Prost
In der letzten Phase fügte sich wirklich alles zusammen. Man beginnt zu verstehen, wie Systeme, Abläufe und Teamarbeit in einem realen Missionsszenario zusammenwirken. Jede Phase stellte uns vor die Herausforderung, uns nicht nur an neue technische Systeme, sondern auch an unterschiedliche Rollen innerhalb eines Teams anzupassen. Am Ende wird einem dank der Anleitung und Unterstützung der EAC-Ausbildenden während des gesamten Programms klar, wie wichtig diese Flexibilität für ein effektives Arbeiten im Weltraum ist.
Amelie Schoenenwald
Was mir am meisten in Erinnerung bleibt, ist die einzigartige Kombination aus wissenschaftlicher Tiefe, operativer Präzision und Teamarbeit während der gesamten Ausbildung. Jede Einheit hat uns herausgefordert, weiter zu lernen, uns anzupassen und uns gegenseitig zu unterstützen. Ich bin dankbar für diese Erfahrung und fühle mich gut gerüstet, diese Reise mit noch größerer Motivation und Respekt für alle fortzusetzen, die an der astronautischen Raumfahrt beteiligt sind.
Aleš Svoboda
Wenn man das Training Schritt für Schritt durchläuft, von den Grundlagen bis hin zu komplexeren, integrierten Szenarien, bekommt man ein echtes Gefühl dafür, wie Weltraummissionen zustande kommen. Erfahrungen wie die Arbeit unter Wasser zur Simulation der Mikrogravitation oder der tiefere Einblick in Technik und Betrieb machen den gesamten Prozess viel greifbarer. Das verdeutlicht wirklich sowohl die Komplexität als auch die Verantwortung dessen, worauf wir uns vorbereiten.